Sieben Thesen zu Katastrophen
11.11.2010
Natürliche, technische und menschliche Dimensionen des Übels
Vor 40 Jahren, am 13. November 1970, sterben eine halbe Million Menschen in der Region Bhola aufgrund eines Zyklons und eines Tsunamis. Am gleichen Tag vor 25 Jahren zerstört ein Lahar die kolumbianische Stadt Armero - mindestens 20.000 Menschen sterben. Die Natur zeigt sich von ihrer grausamen Seite. Doch nicht nur die Natur kennt Gefahren, auch die Technik. Vor 10 Jahren, am 11. November 2000 sterben bei einer Brandkatastrophe im Tunnel der Standseilbahn zum Kitzsteinhorn in Kaprun 155 Menschen. Und: Vor 50 Jahren, am 13. November 1960 nimmt das erste deutsche AKW seinen Betrieb auf. „Atomkraft“ kann heute nicht mehr ohne „Tschernobyl“ gedacht werden. Am 26. April nächsten Jahres werden wir uns an das Reaktorunglück erinnern – es wird der 25. Jahrestag des „Super-GAUs“ sein. Für JOSEF BORDAT ist diese Häufung an Gedenktagen Grund genug, einmal über Katastrophen und ihre Deutung nachzudenken.
1. Einführung
Seit es Menschen gibt erfahren sie Übel in Form plötzlich auftretender Schadereignisse – „Katastrophen“. Damit verbunden ist die Erfahrung, dass Natur und Technik für den Menschen nicht nur nützlich sind, sondern auch gefährlich werden können. Die Deutung dieser Gefahren ist ein Thema, das in immer wieder neuer Gestalt auftritt.
Doch können wir das Übel verstehen? Wir versuchen es, müssen es versuchen, im Rahmen unserer menschlichen Kontingenzbewältigungsstrategien, d.h. durch unsere schlichte Art und Weise, den Raum von Freiheit und Möglichkeit zu füllen, durch unsere Perspektive auf Welt und Wirklichkeit, unsere Position zu Leben und Sinn, unseren Glauben.
2. Natur, Technik, Mensch
Die Katastrophen, an die wir uns in diesen Tagen erinnern, weisen auf die Gefahren hin, die Natur, Technik und Menschen in sich bergen, und die zu Übeln werden können: zu malum physicum, zu malum technologicum und zu malum morale. Schlüssel für das malum physicum und das malum technologicum bleibt der Mensch und dessen malum morale, das einmal dafür sorgt, dass Gott die Natur strafend gegen den sündigen Menschen einsetzt oder – säkularisiert – dass die Natur selbst zur moralischen Instanz wird und „zurückschlägt“ – gegen den Menschen als „Umweltsünder“. Beim malum technologicum ist es erst recht der Mensch, der verantwortlich ist: Er bestellt, schafft, nutzt technische Systeme.
3. ,,Theodizee", ,,Technodizee", ,,Anthropodizee"
Der Diskurs zur Deutung von Katastrophen wird unter den Stichworten „Theodizee“, „Technodizee“ und „Anthropodizee“ geführt. Zwar entwickeln sich die jeweils vorherrschenden Deutungsmuster historisch entlang der dominierenden weltanschaulichen Sinnzuschreibung, doch bedeutet dies keine Sukzession von Vorstellungswelten, sondern ihre tendentielle Favorisierung seitens der Mehrheit. Heute treten nach wie vor alle drei Konzepte im Katastrophendiskurs auf. Am deutlichsten ist eine Entwicklungsrichtung im Hinblick auf konkrete Bewältigungsformen erkennbar: Klagte man früher zu Gott, verklagt man heute den AKW-Betreiber oder die Seilbahn-Firma. Letztlich stehen wir alle vor dem Gericht der Sittlichkeit. Anklagepunkt: Unser Verhalten als Verwender der Natur und Benutzer von Technik.
4. Theodizee
Für gläubige Menschen stellt sich angesichts des Übels der Sünde (malum morale) und des Übels in Gestalt von Naturkatastrophen (malum physicum) die Frage nach der Rechtfertigung eines gütigen, allwissenden und allmächtigen Gottes. Gottfried Wilhelm Leibniz unternimmt in seiner Theodizee (Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal, 1710) den Versuch, die Freiheit des Menschen und die Güte Gottes angesichts des in der Welt erkennbaren Übels in Einklang zu bringen. Die Theodizee Leibnizens wird in diesem Jahr 300 Jahre alt. (Dazu auch dieser Artikel!)
5. Technodizee
In einer Welt der vollständigen Technisierung wird nicht mehr der Schöpfer-Gott vor Gericht gestellt und zu rechtfertigen versucht, wie dies in der Theodizee der Fall war, sondern der Mensch als „Schöpfer der Technik“ hat sich zu verantworten. Der Philosoph Hans Poser hat dafür den Begriff Technodizee geprägt. In Analogie zu Leibnizens Argumentation in der Theodizee entwickelt Poser den Gedanken, dass das Übel unserer Zeit das malum technologicum sei, das heißt die Möglichkeit der Einschränkung menschlicher Freiheit durch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die ständig virulente Gefahr von Katastrophen als Ergebnis von Technik. Kurz: Die Technik, die wir schufen, um freier zu werden, schränkt uns zunehmend ein. (Dazu hier weiterlesen.)
6. Strukturanalogie von Theodizee und Technodizee
Die Strukturanalogie von Theodizee und Technodizee legt im Ergebnis nahe, nach bestem Wissen und Gewissen eine Bewertung von Technik jenseits der eindimensionalen ökonomischen Verwertungslogik vorzunehmen und nach einer Antwort auf die Frage nach „gut“ und „böse“ für den Menschen zu suchen. Nur eine solche Technik ist gerechtfertigt, bei der die sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen berücksichtigt sind. Die Strukturanalogie gebietet ferner, die für die Technikgenese Zuständigen – und das sind wir alle – stärker in die Verantwortung zu nehmen, mit dem Ziel, künftiges Technik-Übel zu verhindern. (Dazu auch folgender Beitrag)
7. Anthropodizee. Die Verantwortung des Menschen in Zeiten des Klimawandels
Natur-Übel und Technik-Übel berühren sich zunehmend. Malum physicum oder malum technologicum – das lässt sich nicht mehr trennen, zu sehr ist die Natur vergesellschaftet, zu umfassend ist die technologische Verfügungsmacht des Menschen. Die entscheidende Klammer ist also das malum morale: das „Übel Mensch“. Gerade in Zeiten des Klimawandels ist die daraus resultierende Verantwortlichkeit ein beliebtes Interpretament, mit dem Katastrophen, die als Folgen des Klimawandels auftreten (könnten), gedeutet werden. (Dazu auch folgender Artikel)
Anmerkung: Der Autor arbeitet derzeit an der FU Berlin im Forschungsprojekt Von der Theodizee über die Technodizee zur Anthropodizee? Moralphilosophie und der Wandel der Deutungen von Natur im Zeichen des Klimawandels im Zeitraum von der Aufklärung im 18. Jahrhundert bis ins heutige 21. Jahrhundert


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