Thread three: Erst die Freundschaft, dann das Vergnügen
I
Wenn Facebook mich fragt: »Was machst du gerade?«, müsste die Antwort ehrlicherweise lauten: Ich sitze an meinem Schreibtisch und überlege, ob und was ich bei Facebook poste.
Doch das ist nicht das, was ich erzähle, wenn ich die Facebook-Bühne betrete. Auf die Bühne tritt die Figur Jule D. Körber und die schreibt beinahe schizophren über sich selbst in der dritten Person, schließlich steht nicht wie bei einem dramatischen Text ein Doppelpunkt hinter ihrem Rollennamen. Noch schizophrener wird es, wenn sie sich, da der erste Text nur eingeschränkt lang sein kann, selbst kommentiert. Merkwürdigerweise erscheint es ihr da nicht mehr falsch, »Ich« zu schreiben.
Und auch wenn man die Facebook-Bühne immer wieder betreten kann, so bekommt man doch nur ein paar wenige Zeichen lang die Chance, sein Publikum zu begeistern. Facebook nutzt sich ab. Nur wenige uninteressante Postings und schon wird man überlesen in der Facebook-Welt. Niemand interessiert sich dafür, was man zu Mittag isst oder was für ein Wetter vorm Fenster herrscht. Außer es waren Kakerlaken und es rollt eine Flutwelle auf’s Fenster zu.
Das Prinzip ist das von Deutschland sucht den Superstar – man hat nur diese kurze Chance, sein Können und seinen exorbitant spannenden Charakter zu zeigen. Und versucht, Reaktionen zu provozieren. Da ist es erst einmal egal, ob das Lob in Form eines »Gefällt mir«-Daumens kommt oder ob es ein Kommentar ist, der wiederum selbst den Charakter des Kommentators zeigt. Das Dieter-Bohlen-Prinzip, die Kunst des Kommentierens.
Der Erfolg eines Facebookers bemisst sich wie bei DSDS an der Menge der Aufmerksamkeit, die er generiert. Facebook, das ist die Möglichkeit, vor einem selbstgewählten Publikum virtuell einen Gurkenlaster zu rammen.
II
Facebook ist eine Christoph-Marthaler-Inszenierung in den Endproben; die Schauspieler sind allein auf der Bühne und spielen nur für sich untereinander und für die Regie. Die Bühne ist riesig und vollgestellt mit Kram, der größer ist als die zahlreichen Darsteller, die allesamt vereinzelt stehen und in die Leere sprechen; nur kurze Sätze, in der Hoffnung, diese führen dazu, dass eine andere Figur sich mit ihnen zusammentut, sie kommentiert und sie gemeinsam einen Chor bilden. Manchmal singen die Figuren auch. Mitsingen ist oftmals leichter als kommentieren. Im Gesamtbild ergibt sich aus den Improvisationen Einzelner ein Chor und eine Inszenierung.
Dieses Prinzip funktioniert allerdings nur, wenn die Facebook-Freunde richtig ausgewählt sind; Freundschaftsanfragen sind Castings, Freunde die Besetzung.
III
Facebook ist eine teilironische Selbsthilfegruppe ohne gemeinsames Problem. Und dabei so angenehm unaufdringlich. Denn während in anderen Selbsthilfegruppen die einzelnen Mitglieder verpflichtet sind, zu dem geäußerten Problem eines Mitglieds etwas zu sagen, kommentiert bei Facebook immer nur derjenige, der auch etwas beizutragen hat.
III.I
Es gab Postings, bei denen war Facebook fast schon ein Ersatz für meinen Hildesheimer WG-Küchentisch, der ja auch eine Selbsthilfegruppe war. Nur um den Facebook-Küchentisch herum sitzen fast alle meine Freunde und keiner fühlt sich gezwungen auf meine auf den Tisch geworfenen Fragen zu reagieren. Und wir können alle durcheinander reden. Und antworten, wenn wir Zeit dazu haben. Und wir können uns Links dazu schicken.
Facebook würde mir wohl nicht so viel bedeuten, wenn ich noch in Hildesheim wäre. Es ist kein Surrogat für meine WG, aber es lindert den Trennungsschmerz.
Viele von den Dingen, die ich jetzt bei Facebook als Bitte um Hilfe poste, hätte ich in Hildesheim meine Mitbewohner bei Wein am Küchentisch gefragt.
Und all die Erlebnisse, die mir einen Facebook-Eintrag wert sind, hätte ich in Hildesheim meinen Mitbewohnern erzählt.
Es ist richtig, nicht mehr in der Lochstadt zu sein, aber wäre ich noch da, ich bräuchte Facebook wohl nicht.
IV
Ein guter Facebooker ist für mich nicht nur Performer auf der Onlinebühne, er ist auch Spielmacher. Er muss nicht nur zu Publikumsreaktionen indirekt provozieren, sondern auch auffordern, mitzumachen.
Deswegen dachte ich mir den Deutschpopsongtextadventskalender aus, jedes Türchen zum Mitraten.
IV.I
Manchmal wünschte ich mir meinen Doktorvater zum Facebook-Freund, der dann sieht: Ah, Jule empfiehlt jenes Buch oder setzt sich mit diesem Thema auseinander, sie verbringt Zeit mit ihrer Doktorarbeit.
IV.II
Manchmal dient Facebook auch zur Selbstvergewisserung und Rechtfertigung. Ich bin hier! Ich arbeite! Ich hänge nicht einfach nur rum! Ich mache was aus meinem Leben und was, das poste ich bei Facebook. Damit mein Publikum mir zunickt. Oder den Kopf schüttelt. Hauptsache, irgendjemand ist da draußen. Und mich gibt es wirklich.
IV.III
Ich bin mein Facebook-Alter-Ego.
Mein Profilfoto ist mit Weichzeichner behandelt, schwarz-weiß und vier Jahre alt.
Ich puzzle mich selbst neu zusammen. Nur die Teile werden gesetzt, die im Gesamten das Alter Ego zeigen, das ich gern sein möchte. Es ist keine optimierte Version von mir, das nicht, mein Facebook-Alter-Ego und ich, wir sind uns sehr ähnlich. Es ist nur anders fokussiert als die Realität. Ich bin die Texte, die ich gerade lese. Ich bin die Musik, die ich gerade höre. Ich bin das YouTube-Video, das ich gerade sehe. Ich bin mein Arbeitsmarktgalgenhumor. Ich bin meine Hoffnung. Ich bin meine kleinen Erfolge. Ich bin witzig und geistreich (und habe genug Zeit, mir zu überlegen, wie ich das sein kann).
Ich bin schwarz-weiß, vier Jahre jünger und mit Weichzeichner behandelt.
V
Bis ich das erste Mal wagte, auf Facebook aus der Hölle meines Münchner Arbeitsplatzes zu berichten, musste ich innerlich gekündigt und schon die ersten Bewerbungen geschrieben haben.
Dann verbot mein Chef das Lachen und Reden am Arbeitsplatz. Manche Dinge sind eine Steilvorlage für Facebook. Da hätte es richtig weh getan, wenn ich das nicht gepostet hätte.
Facebook ist eine Bühne, auf der auch geschrien werden darf, ein Ventil in wenigen Zeichen. Und sofort ist alles besser, wenn es raus ist – und wenn man gezwungen war, seine Wut in nur so wenige Zeichen eines bühnentauglichen Textes zu verpacken.
VI
Es ist nicht nur so, dass meine Arbeit, an der ich gerade sitze, in Facebook auftaucht, weil ich Fragen ans FB-Plenum stelle (und beantwortet bekomme), weil ich das Musikvideo poste, was ich gerade für meine Dissertation analysiere, weil ich aus den Büchern zitiere, die ich gerade lese; Facebook taucht auch in meinen Texten auf. Mein Sampling-Drama Wir Krisenkinder – Eine Maschine besteht zum Teil aus Facebook-Einträgen.
Meine Dramen verstehen sich als strukturierte Materialsammlungen zu spezifischen Themen; meine Facebook-Postings sind hauptsächlich die Reaktionen auf ausgewählte Fragmente meiner Gegenwart und strukturiert durch Zeit – und damit auch eine Materialsammlung. Das Thema bin ich.
VII
Facebook fühlt sich an wie eine Parallelwelt, ist aber keine; die Facebook-Welt hat Konsequenzen in der Realität, die man leicht vergisst.
VII.I
Letztens ging ich mit Lino in München auf dem Weihnachtsmarkt spazieren. »Ich hatte Dir ja schon erzählt«, sagte er, »dass ich ...« Und ich sagte: »Nein, Lino, dass hattest Du mir noch nicht erzählt, aber bei Facebook gepostet. Also Du hast mir das trotzdem irgendwie schon erzählt.«
Tatsächlich fallen mir inzwischen Dutzende Fälle ein, wo ich in realen Gesprächen mit meinen Facebook-Freunden nicht mehr wusste, was ich ihnen direkt oder bei Facebook erzählt habe.
Wir, ich! poste bei Facebook das, was ich meinen Freunden sowieso gezeigt und erzählt hätte. Nur bin ich im mündlichen Erzählen und im live Zeigen langsam, ausufernd, anstrengend. Facebook ist für mich eine angenehme formale Vorgabe. Ich muss das, was ich sagen will, auf wenige Sätze reduzieren.
VIII
Bei Facebook sind nur die Menschen existent, die posten oder kommentieren.
Bei meinem letzten Besuch in Hildesheim traf ich auf Menschen, mit denen ich bei Facebook befreundet bin, die aber nie posten oder kommentieren. Und die ich nicht wahrgenommen habe bzw. bei denen ich nicht wahrgenommen habe, dass sie mich wahrnehmen. Und ich war völlig irritiert, als sie mich auf Dinge ansprachen, die sie von mir nur über Facebook wussten.
IX
Ich poste, also bin ich.

