Vorspruch
Ein Essay wie der folgende hat eine Vorgeschichte. Er wurde provoziert von Martin Walsers "Friedenspreisrede" in der Paulskirche am 11. 10. 1998 und der daraus sich entwickelnden öffentlichen Debatte, die in der publizierten Fassung eines Gesprächs Martin Walsers mit Ignatz Bubis in der FAZ einen, zumindest in meinen Augen, erst recht skandalisierenden "Höhepunkt" fand. Ich habe als damals Leitender Feuilleton-Redakteur in der "Frankfurter Rundschau" mich mehrfach an der Debatte beteiligt. Zugleich schien mir die Auseinandersetzung zu eng auf Walsers Friedenspreisrede fokussiert. Unmittelbar zuvor war ja sein autobiographischer Roman "Ein springender Brunnen" erschienen, der (auch von mir) überwiegend positiv besprochen worden war, wiewohl eine kritische Bemerkung des Schweizers Andreas Isenschmied im "Literarischen Quartett", der die Erwähnung von Auschwitz in Walsers Buch vermisste, dann
ein Grund für Walsers Polemiken in der Rede geworden sein dürfte.Die Bitte des Herausgebers der Zeitschrift "Text + Kritik", Heinz-Ludwig Arnold, für eine Neuauflage seines Walser-Heftes ein Resümee der Rede & ihrer kontroversen Resonanz zu ziehen, folgte ich erst zögernd und nur unter der Bedingung, dass dann die Rede, das Bubis/Walser-Gespräch und "Der springende Brunnen" in wechselnder Erhellung aufeinander bezogen werden und wenn nötig sowohl in Walsers Poetik wie Essayistik zurückgeblickt werden müsste. Denn wie die Rede eine Nach-, so hatte sie auch eine Vorgeschichte - und die in Walsers literarischem Oeuvre singuläre Form und Poetik seines Essay-Erinnerungs-Romans war meines Erachtens weder von der aktuellen Literaturkritik bemerkt, noch "Der springende Brunnen" in seiner offenkundigen stofflich-geistigen (und sogar poetologischen !) Parallelität mit der Rede in Betracht gezogen worden. Auf diese unbeleuchteten Korrespondenzen meinen Blick zu wenden, reizte & fesselte mich schließlich; aber auch die eigene polemische Haltung, die in der öffentlichen journalistischen Kontroverse zutage getreten war, nun bei der umfassenderen Recherche und deren Darstellung nicht hintanzustellen: so wenig wie Martin Walser selbst, der ja alle Register seiner polemisch-ironisch-poetischen Möglichkeiten in jeder der zur Betrachtung stehenden Arbeiten immer gezogen hat. Die sich über mehrere Monate hinziehende Arbeit an dem Traktat, der seinen Gegenstand von unterschiedlichen Seiten her angeht, erweitete sich zu eine Länge, die für den ursprünglich vorgesehene Zweck, ein Beitrag unter mehreren zu sein, nicht geeignet war. Ich habe dann für den im Juli 2000 erschienenen "Text + Kritik" Band (Nr. 41/42, Richard Boorberg Verlag, München) unter dem Titel "Nachlese" einen neuen, eigenständigen Beitrag im geforderten Umfang geschrieben, der an einigen Stellen sich mit der hier erstmals publizierten größeren Arbeit berührt. Nachdem Dieter Borchmeyer unter dem Titel "Martin Walser und die Öffentlichkeit"(edition suhrkamp, Nr 2259, Frankfurt a.M. 2001) sich über "einen neuerdings erhobenen unvornehmen Ton im Umgang mit einem Schriftsteller" mokierte und die ganze Debatte um Walser und seine Unfrieden stiftende Rede bloß für eine "Fehlrezeption" der skandalisierenden Medien erklärte, scheint es mir erst recht geraten, gegen diese salvatorische Nachbetrachtung eines Walser-Sympathisanten meine Lesart der Walserschen Kehre dagegenzusetzen. Umso mehr, als der 75jährige Martin Walser, assistiert von Peter Sloterdijk, im "Philosophischen Quartett" vom 19. Februar 2002, sich weiterhin in seiner Lieblingsrolle als verfolgte Unschuld "der Medien" geriert.
Einleitung
Die
Friedenspreisrede Martin Walsers, die wie keine zweite öffentliche Rede eines Schriftstellers in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erregten und weitreichenden Nachhall gefunden hat, kam nicht von ungefähr. Sie hatte mehrere Vor-, und sie provozierte zahlreiche Nachgeschichten. Der geistige Gegenstand, den Walser von der Rednertribüne der Paulskirche in die Öffentlichkeit warf, war von ihm schon lange kontinuierlich zugeschliffen und bewusst zugespitzt worden, ohne dass er in seiner endgültigen explosiven Paulskirchen-Form wirklich hätte vorausgeahnt werden können. Nur wer sowohl mit der literarisch-politischen und der geistigen Entwicklung Walsers seit Ende der 70iger Jahre vertraut war; nur wer die in persönliche Konflikte, Entfremdungen und aufgehobene Freundschaften mit früheren Weggefährten ausgeuferte existenzielle Situation des Autors wenigstens ahnte; und nur wer die öffentliche Resonanzgeschichte von Walsers Publizistik bis hin zu seinem autobiografischen Roman
Ein springender Brunnen verfolgt hatte - der zuletzt der Springquell für seine Rede-Suada wurde -, war hinreichend sensibilisiert, um die rhetorische Polyphonie der Redekomposition zu erkennen und die Mehrfach-Codierung ihrer Zielpunkte im persönlichen und öffentlichen Raum ebenso wie die Strategie ihrer Unschärfenrelationen überhaupt zu bemerken. Dicht und diffus: das war die rhetorisch erzielte Gemengelage der Paulskirchenrede.Die Wellen, die Walser mit seinem Stein des Anstoßes im öffentlichen Diskurs erzeugte, sind jedoch nicht bloß Nebenwirkungen und Folgeerscheinungen, sondern inhärente Weiterungen, aus deren Rückwirkungen die Rede erst recht bis zu ihrer subversiven Kenntlichkeit erschließbar - und selbst historisch weiter Zurückliegendes in helleres Licht getaucht wurde. Das ist nicht verwunderlich. Walsers Paulskirchenrede ist, unterhalb ihrer dem politisch rechten Spektrum verwandten Reizvokabeln, in vielen Teilen kryptisch. Im Sinne des selbstbezüglichen Autors und seiner rhetorischen Methodik: ein Verhau von "Entblößungs- und Verbergungsstrategien" ebenso subtilster wie raffiniertester Art uneigentlicher Rede - meisterlich verwandt der Brandrede des Marc Anton in Shakespeares
Julius Caesar. Die Abbreviatur ihrer vielfachen ironischen Brechungen bot dem Autor jederzeit die Möglichkeit, sich auf Pirouetten zurückzuziehen, die er auf
literarischem Glatteis gezogen habe und terminierte in der wahrhaft nietzscheanischen Volte, wonach es "der Ehrgeiz des der Sprache vertrauenden Redners (sein dürfe), dass der Zuhörer oder die Zuhörerin den Redner am Ende der Rede nicht mehr so gut zu kennen glaubt wie davor". Das Gegenteil war selbstverständlich der Fall. Von der rechtsradikalen Klientel ganz zu schweigen, glaubten die ihm stehend in der Paulskirche Applaudierten ihn so gut verstanden zu haben wie das Ehepaar Bubis, das ohne Beifall zu klatschen sitzen geblieben war. Zwei symbolische Akte, die sich gestisch aufeinander bezogen: hier der sichtbar isolierte Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dort der von "Meinungswarten" mit der "Moralpistole" und der "Auschwitzkeule" traktierte "deutsche Schriftsteller", der sich auf die "Gewissensfreiheit" eines Nicht-Christenmenschen berief und "die Monumentalisierung unserer Schande (...) durch einen fußballgroßen Alptraum" beklagte. Sichtlich betroffene
Täter und ein Beifall umrauschtes Opfer - wie Luther auf dem Reichstag von Worms: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. War's das? Und dass danach ein babylonisches Interpretationsgewirr entstand, in dem jeder, nachdem Bubis von "geistiger Brandstiftung" gesprochen hatte, sein "Verständnis" der Rede und "was Walser gemeint hatte" zum besten gab, der Redner selbst jedoch dazu nachhaltig schwieg - bis die Lesereise mit seinem
Springenden Brunnen, dessen Verkaufsziffern währenddessen sprunghaft anstiegen, absolviert war -: auch das gehörte zur
Postproduction einer jenseits von Naivität und Gewissenhaftigkeit inszenierten au(k)torialen Selbstbezogenheit, welche die von Walser einst wider den Schriftstellertypus Peter Handke polemisch eingewandte literarische "Nabelschau" (und selbst Handkes späteren öffentlichen serbischen Freundschaftsdienste) an medienbewusster Gigantomanie haushoch übertraf.Es war erst das von der FAZ, genauer von dem Walser-Laudator und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem Bubis-Vertrauten Salomon Korn initierte und moderierte Gespräch der symbolischen Kontrahenten Bubis und Walser, das in seiner publizierten Form am 14.12.1998 sokratische Hebammen-Dienste leistete im Hinblick auf das, was Walser in seiner Paulskirchenrede nebulös an- und erst im Verlauf des Gesprächs in
plain words ausgesprochen hatte. Was er nicht nur "gesagt", sondern auch damit "gemeint" hatte, trat nun in aggressiver Schärfe hervor. Bubis' früher
Alarmismus sah sich nun aufs Trübste bestätigt.Nicht nur die vom Autor und seinen Interpreten in der öffentlichen Debatte angesprochenen früheren Äußerungen, Ansichten und Wortwörtlichkeiten zwingen dazu, das historische Vorfeld von Roman-Autobiografie und Friedenspreisrede ebenso in Betracht zu ziehen wie die daraus hervorgegangenen Folgen (bis hin zu Walsers "flagrantem Versuch:
Über das Selbstgespräch, ZEIT, vom 13.1.2000 und dem Gespräch
Jetzt bin ich dem Fernsehen dankbar, vom FAZ, 29.1.2000), sondern auch die von Walser gewählten literarischen Formen des
Springenden Brunnens und der Rede gehören dazu. Beide beziehen sich polemisch, poetologisch & rhetorisch auf die Gegenwart, nämlich als Verteidigungen der Vergangenheit gegen die Gegenwart. Es handelt sich also um ein weites Feld kommunizierender Ansichten und Strategien, in die der
Springende Brunnen und die Friedenspreisrede einbezogen sind. Quellen springen da vielfach auch rundum. Aus ihnen ist zu schöpfen: phänomenologisch und genealogisch.
1. Teil Wahrscheinlich war der lange währende öffentliche Eindruck, Martin Walser gehöre - wie andere Suhrkamp-Autoren der damaligen Zeit (z.B. H. M. Enzensberger, Peter Weiss oder Jürgen Habermas) - zur politischen Linken der Bundesrepublik, ein
kollektiver Irrtum; und lange auch eine Selbsttäuschung des Autors. Zwar wurde Walser als Erzähler und Dramatiker der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft (z.B. mit der Kristlein-Trilogie und dem Theaterstück
Eiche und Angora) und erst recht als politischer Essayist sowohl von der konservativen als auch von der linksliberalen Seite des politischen Spektrums der Bundesrepublik einmütig >der Linken< zugeschrieben; aber auch er selbst sah sich dort lange Zeit eher am Platz als da, wo er heute zuhause ist und den emphatischsten Beifall bekommt.In der Literatur-, Geistes- und Politikgeschichte der Bundesrepublik, die jetzt historisch geworden ist, gehörten sowohl Werk wie auch
Resonanz und Wirkung Martin Walsers bis zum Ende der 70iger Jahre ohne Zweifel zur politischen Linken und weitgehend zur >außerparlamentarischen Opposition<. Das reicht bis in die marxistische Terminologie seiner Anti-Vietnam-Reden, -Essays & seiner
Kursbuch-Artikel hinein. Ebenso auch durch die Roman-Galerie seiner gesellschaftlich scheiternden, erniedrigten und beleidigten kleinbürgerlichen Helden, sein mehrfaches Eintreten für Autobiografika von gesellschaftlich Depravierten, sein Engagement für den Werkkreis der Arbeitswelt, die gewerkschaftliche Organisation der Autoren als "Lohnabhängige"; und zuletzt durch seine öffentlichen Sympathiebezeugungen für die DKP, für die er demonstrativ am Beispiel seines Romans
Jenseits der Liebe (1976) von dem Ex-Kommunisten und ehemaligen Soz.-Realismus-Liebhaber Marcel Reich-Ranicki in der FAZ öffentlich abgestraft wurde: eine Walsersche Liebelei mit weitreichenden Folgen. Dafür wurde er für die Novelle
Das fliehende Pferd (1978) kurz darauf vom gleichen Rezensenten in den Siebten Himmel der Literatur erhoben und dadurch das
erstemal zum Bestseller-Autor gemacht. Ein literarisches Medien-Ereignis.Vertraut man aber den Selbstzeugnissen Walsers, so ist in den letzten Jahren seiner öffentlich-"linken" Exponierungen "das Verschwiegene mit jedem Veröffentlichten (an)gewachsen", wie er 1979 (!) in seinem Beitrag zu den von Jürgen Habermas zweibändig gesammelten
Stichworten zur "Geistigen Situation der Zeit" unter seinem Stichwort
Händedruck mit Gespenstern bekannte. Schon 2 Jahre zuvor, in seiner Bergen-Enkheimer Rede Über den Leser, hatte sich sein literarisch vermitteltes "Deutschland"-, resp. "Geschichts-Gefühl" wider die ost- wie westdeutschen "narkotisierten Pragmatiker" in einer Beschwörung geäußert, deren rhetorische Form er in seiner
Friedenspreisrede 1998 mit Hinweis auf ihren Initialort wiederholen wird: "Wir alle", hieß es 1977, "haben auf dem Rücken den Vaterlandsleichnam, den schönen, den schmutzigen, den sie zerschnitten haben, dass wir jetzt in zwei Abkürzungen leben sollen. In denen dürfen wir nicht leben wollen. Wir dürften, sage ich
vor Kühnheit zitternd, die BRD sowenig anerkennen wie die DDR. Wir müssen die Wunde Deutschland offenhalten", die vom "aktuellen Fluss der öffentlichen Meinung" überspült werde (nach Maßgabe "der Mächtigen" und "ihrer Interessen"). Die von den Interessen Mächtiger gesteuerten Medien, hier noch "marxistisch" instrumentiert, werden sich als Topos der öffentlichen Aversion Walsers bis zu seiner Friedenspreisrede erhalten, wo er
"jetzt wieder vor Kühnheit zitternd" ausruft: "Auschwitz eignet sich nicht, dafür" (i.e. für das vereinte Deutschland!) "Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft"? Walsers damaliger "Glaube, es existiere ein historisches Bedürfnis, das Katastrophenprodukt (der zwei Deutschländer) zu überwinden", richtete sich 1977 auf ein Deutschland, "das seinen Sozialismus nicht von einer Siegermacht draufgestülpt bekommt, sondern ihn ganz und gar selber entwickeln darf; und eines, das seine Entwicklung zur Demokratie nicht ausschießlich nach dem kapitalistischen Krisenrhythmus stolpern muss". Literarisch (durch Karl May & Friedrich Nietzsche) vermittelt - zentrale Lese-Erlebnisse des Walserschen Johann im späteren
Springenden Brunnen -, schien Martin Walsers deutsches "Wunschdenken" von 1977 auf einen ausgleichend "Dritten Weg" (eines Staatenbundes?) fixiert, der unauffällig national und auffällig resistent gegen "ein Deutschland wie gehabt" schien. Falls überhaupt, so wurden Walsers eigenwillige
Deutsche Sorgen, die in dieser opportunen Umschreibung auch die realpolitischen Pragmatiker hätten teilen können, im betonierten Kalten Krieg nur als eine persönliche, generationsbedingte Marotte wahrgenommen, weshalb sein rhetorisches "Zittern" nur öffentliche "Gratisangst" (H.M. Enzensberger) signalisierte - falls die Vibrationen des Redners in diesem Augenblick nicht schon auf unausgesprochene tiefere Erschütterungen in seinem "Seelenleben" hindeuteten.
Von Wolfram Schütte
Zu Teil 2Weiteres über "Eine Rede und ihre Folgen":
Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur am Institut für Neuere Geschichte! Zur Kontroverse um die Rede von Martin Walser zur Verleihung des deutschen Friedenspreises 1998 in der Frankfurter Paulskirche mit ausgewählten Beiträgen u.a. von Ignatz Bubis, Klaus von Dohnanyi