Kate & William haben geheiratet
30.04.2011
Alles ganz wonderful?
JAN FISCHER hat sich die königliche Hochzeit im Fernsehen angesehen. Und macht sich jetzt Gedanken über unser schizophrenes Verhältnis zu Prunk, Pathos und Pop.
Wir kommen noch zur Hochzeit, keine Sorge, aber erstmal geht es nach Dresden, in die Frauenkirche: Nachdem sie restauriert war, habe ich sie besichtigt, oder besser: Ich stand einfach nur da, starrte mit offenem Mund auf dieses ganze Gold, auf das Rosa, auf das Türkis, auf die verschlungenen Schnörkel überall, auf die Putten, die dem ganzen Kitsch noch die Krone aufsetzen, und dachte: Toll, das sieht aus, als hätte Jeff Koons das Badezimmer von Pamela Anderson gestaltet. Reden wir also über Prunk. Über Pathos. Über Pop. Reden wir über Glitzer.
Das investigative Instrumentarium
Wer kocht den Kaffee?
Ich schau mir die Hochzeit vom Bett aus an, M. liegt neben mir, sie ist es, die den Fernseher einschaltet, kurz, nachdem der Wecker klingelt, das erste, was ich an diesem Tag höre, ist die Stimme von Barbara Schöneberger, die irgendetwas von ihrem Hut faselt. Es ist eines dieser Gestecktteile, die sich noch zu einem der Hochzeitstagshauptmotive mausern sollen. Ich krieche unter der Bettdecke hervor, ein bisschen was von dem Bier von gestern noch in den Knochen, M. geht es kaum besser, wir spielen Stein-Schere-Papier darum, wer Kaffee machen muss. Ich verliere.
Welche Szene?
Ich müsste eine Szene erzählen, die Frage ist natürlich, mit welche. Die halb hysterische Barbara Schöneberger, die für ARD durch London läuft, harmlose Briten interviewt und ihnen nebenbei Stillosigkeit vorwirft? Dieser ARD-Adelsexperte, der gekonnt gegensteuert, indem er etwas davon brabbelt, dass die Anti-Royalisten nicht zu stark werden dürften, weil wenn sie zu stark würden, man sie ja nicht mehr bräuchte? Dieter Kronzucker, der in all seiner Dieter-Kronzucker-Haftigkeit bedächtig nickt, als auf SAT1 jemand sagt, man müsse jetzt aber unbedingt noch einmal über Kates Kleid reden? Bruce Darnell, der für RTL mit der ihm eigenen Penetranz alles ganz wonderful findet? Oder Andrea Kiewel, die mit ihrer Kollegin auf ZDF ihre Sendezeit dafür nutzt, sich ordentlich mit Prinz-William-Prosecco einen anzusaufen, woraufhin beide bei keiner Live-Schalte zu mehr zu irgendwas zu gebrauchen sind, außer dazu, durcheinanderzureden? Sowas müsste es sein.
TITEL-Autor Jan Fischer bei der Recherche
Die zweite Verwertungsstufe
Inszenierungen werden ja immer nur an den Bruchpunkten interessant, da, wo sie nicht passen, wo die Inszenierung über sich selbst stolpert: Das ist die Gelegenheit, zu der man etwas darüber erfährt. Ich liege im Bett, trinke Kaffee, und bin die zweite Verwertungsstufe: Ich suche nach den Bruchpunkten in der Inszenierung der Inszenierung dieser Hochzeit, und stürze mich darauf, genau, wie die Berichterstatter in London nach Bruchpunkten während der eigentlichen Hochzeit suchen.
Auf SAT1 findet jemand, Kate hätte zuviel Rouge aufgetragen, das im Übrigen auch gar nicht mit der Farbe des roten Teppichs in Westminster Abbey harmoniere, auf RTL wird dann wiederum das Gegenteil gefunden, oder als Kate kurz stockt, und alle den Atem anhalten: Wird sie in der Lage sein, alle Vornamen von William in der richtigen Reihenfolge auszusprechen? Und wenn nicht, wird die Hochzeit dann vielleicht ungültig? Und natürlich diese alles entscheidenden Fragen: Wie wird das Kleid aussehen? Wie lang wird die Schleppe sein? Wird Kate ein Diadem tragen, und wenn ja, woher wird sie es haben? Wer sitzt wo, und vielleicht dann doch falsch? Wird das alles so seine Ordnung haben, von wegen Diana, Wirtschaftskrise, wird das alles überhaupt modisch unproblematisch sein? Dauert der abschließende Kuss lange genug? Ist er ehrlich? Wo kippt es? Jeder Experte, jeder Moderator, alles, was die Fernsehsender an Armee aufgefahren haben, arbeitet sich an solchen Details ab. Alle warten nur darauf, dass die Erzählung an Nebensächlichkeiten zerbricht, diese alte, eigenartige Geschichte, die wir uns schon hunderte Jahre lang erzählen: Dieses alte Märchen davon, Prinzessin zu sein, Prinz zu sein.
Nichts wird schiefgehen
Denn das ist natürlich die Geschichte, die erzählt wird: Ich liege mit M. im Bett, es gibt Aufbackbrötchen, Salami und Käse von REWE, und wir lassen sie uns erzählen. Das Interessante daran ist ja auch gar nicht, dass die Geschichte erzählt wird: Wir kennen die Geschichte, und ob die Eintrittskarte in den Palast jetzt ein gläserner Schuh ist oder sonstwas, ist dabei eigentlich egal. Nein, das Interessante ist, wie die Geschichte erzählt wird: Fein säuberlich sortiert nach Dingen, die schief gehen können. Aber es wird nichts schief gehen, das ist unmöglich.
Lächeln und winken
Am Abend vor der Hochzeit habe habe ich gelesen, dass an die zwei Milliarden Menschen sich die Hochzeit im Fernsehen anschauen: Ein Drittel der Weltbevölkerung. Ich mich gefragt, was man alles tun könnte, wenn einem zwei Milliarden Menschen zuschauen. Was für eine Macht das ist. Was tust du, wenn du der Kutscher der Glitzerkutsche bist? Was würdest du zwei Milliarden Menschen mitteilen wollen? Was könntest du tun? Offensichtlich ist es: Lächeln und winken. Immer schön lächeln und winken. Solange, bis du einen Krampf davon bekommst. Das ist die Größe, die ich mir am Abend vorher vorgestellt habe, und während ich und M. uns die Hochzeit anschauen, wird diese Größe von den tausend kleinen Details immer kleiner montiert: Wie Elton John da mit seinen Hamsterbacken rumsitzt. Wie Rowan Atkinson seinen Platz sucht. Wie Barbara Schöneberger durch London zirpt. Wie ein Heer von Adelsexperten versucht zu deuten, was da passiert, wenn die Vorhänge im Buckingham Palace sich bewegen.
Die alte Geschichte und ihr Happy End
Die Berichterstatter müssen nach Bruchpunkten suchen, weil dieser komische königliche Prunk, dieser mit voller Ernsthaftigkeit durchgezogene Pathos mit all seinen Fellmützenmusikern, durchchoreograhpierten Liturgien, die ganzen Kutschen, der Hutzwang für Frauen ohne die Möglichkeit, dass es scheitern könnte, einfach nicht erträglich wäre: Der Buchpunkt ist dort, wo die Inszenierung kippt, und es ist schon die Suche nach den Bruchpunkten selbst, die die Geschichte, die da erzählt wird einerseits davor bewahrt ins Lächerliche zu kippen, und andererseits interessant macht. Die alte Geschichte muss ein Happy End haben, aber die Möglichkeit, dass sie keines hat, muss bestehen bleiben. Aber das Unhappy End darf erst dann kommen, wenn der Augenblick für das »... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute« vorbei ist. Erst danach beginnt eine andere, offenere Erzählung: Das fordern die Gesetze der Dramaturgie. Das war schon bei der Hochzeit von Diana und Charles so: Am Hochzeitstag selbst war es eine dieser Märchenhochzeiten. Probleme gab es erst danach. Die Suche nach den Bruchpunkten in der Berichterstattung ist der dramaturgische Bruch des Märchens: Die Möglichkeit von Bruchpunkten ist die einzige Art, wie die Erzählung ins Jetzt transportiert werden kann.
Abwehrmechanismen
Das Ganze ist wie in der Frauenkirche: Pathos und Prunk, die völlig ungebrochen auf einen abgeballert werden, generieren immer einen Abwehrmechanismus, einen Witz, irgendetwas, das sagt: Das lasse ich nicht einfach so mit mir machen. Jeff Koons designt Pamela Andersons Badezimmer. Sowas eben. Die königliche Hochzeit ist genau dasselbe, nur in viel größerem Rahmen: Da trifft eine jahrhundertealte Tradition, die einfach keinen Witz kennt, in der es nicht die Möglichkeit für den Bruch und den Trash gibt, auf den puren Pop, auf diese ganzen Teller, die lachhaften Souvenirs, darauf, dass die Prinzen gefeiert werden, als seien sie der wiederauferstandene Michael Jackson.
Da treffen Journalisten, die ausgebildet sind, nach Bruchpunkten zu suchen, auf eine Inszenierung, die keine zulässt: Dann kommt sowas dabei raus wie Barbara Schöneberger, die sich einen dieser Hüte kauft, die offenbar Teil des Dresscodes für die Hochzeitsgäste sind, und M. und mir, und unseren Aufbackbrötchen und den zwei Packungen Toffifee werden gleichzeitig zwei Geschichten erzählt: Die eine ist ein Märchen, und die andere ist die Zerstörung des Märchens. Beide Erzählungen stehen da einfach so nebeneinander, und kommen sich nicht ins Gehege: Deshalb kann die Suche nach den Bruchpunkten, nach Ecken, an denen etwas schiefgeht, zu keinem Ergebnis führen.
Glitzer
Aber die Erzählungen reiben sich aneinander, und generieren damit eine unglaubliche Energie, und zwei Milliarden Menschen irgendwo auf der Erde schwanken irgendwo zwischen royalem Pathos und Pop, und jubeln, weil beides es verlangt: Die Schnittmenge zwischen Pamela Anderson und der Frauenkirche ist rosa, die Schnittmenge zwischen dem royalen Pathos und dem Pop ist der Glitzer, der überall auf der ganzen Hochzeit reichlich aufgetragen ist. Und das alles verlangt nur eine Sache: Den Kuss auf dem Balkon des Buckingham Palace. Das ist dann, wo alles zusammenschmilzt ... Und als die Flugzeuge über dem Brautpaar entlang donnern, sage ich zu M.: »Wenn ich jemals heirate, will ich auch Flugzeuge. Aber mehr.«
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