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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:37

 

Wolfram Schütte: Walser - Essay, Teil 4

24.03.2004

Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

Teil 4

Von Wolfram Schütte

 

Das "alte Bedürfnis", das Martin Walser als sein lange Zeit öffentlich unterdrücktes "Eigentliches" in seinem Händedruck mit Gespenstern 1979 ent- & aufgedeckt hat - ohne dass freilich die Radikalität seiner heideggernden Kehre wirklich in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden wäre -, ist die in der Form eines Selbstgesprächs vollzogene Beschreibung eines konservativen, wo nicht gar reaktionären Welt- und Deutschlandbildes. Die Rückkehr zum Verdrängten wird von ihm als Prozess der wachsenden persönlichen Isolierung und des Verlustes von Freunden, die zu "Feinden" wurden, sowohl beschrieben als auch rhetorisch in der Form einer Beichte und eines Geständnisses inszeniert, die - Sympathie und "Verständnis" heischend - einen mit Gott, der Welt und sich selbst zerfallenen Schmerzensmann vor Augen führen - ob als identifikatorisch angeigneter Fink in seinem Krieg (1996) gegen die etablierte Rhein-Main-Gesellschaft wie einst Michael Kohlhaas gegen den märkischen Adel oder als skrupulös sich gerierender Verfertiger einer Sonntagsrede für den Friedenspreis in der Paulskirche.

Das beim Händedruck mit Gespenstern gewonnene Selbstbewusstsein, mit einer individuellen "Heuchelei" endlich gebrochen zu haben, kräftigt sich mit dem typischen Pathos des >Erweckten< (oder des Renegaten?) an der Projektion eines kollektiven gesellschaftlichen Lügengebildes, in dem der Rest der Gesellschaft verfangen ist, wo er es nicht sogar aktiv webt. Walsers Rückkehr zu Volk und Nation vollzieht sich, wie üblich, über eine Intellektuellen-Kritik, die nicht originell, sondern klassisch konservativ und in ihren Grundzügen - volksfremder Internationalismus, hätschelnde Unverständlichkeit, einschüchternde Negativität - klassisch reaktionär ist.


Falls man nicht konstatiert - wie Hanjo Kesting (Walser/Bubis, S. 319) -, "dass sich Walser in ein ganz eigenes Wahnsystem, eine Art von Paranoia (seit 1978), verrannt hat", so muss man hier die Rolle des Ressentiments in Betracht ziehen, das sowohl als konstitutives wie als eminent produktives Moment Walsers gesamtes Werk prägt. Dieses "Wiedererleben eines (durch das Wiederbeleben verstärkten) meist schmerzlichen Gefühls", wie der Duden den psychologischen Vorgang der Verarbeitung einer ohnmächtig erlebten Demütigung durch Macht definiert, ist das Angst- & Schauerfeld, auf dem die Walserschen Unterlegenheits-Helden ihre verborgenen Schlachten mit sich und der als übermächtige Dominanz erfahrenen Welt der Anderen, ihrer Chefs und Konkurrenten, schlagen.

In der konstitutiven erzählerischen Ambivalenz der >erlebten Rede< des ihnen immer intim-nahen und >mitleidenden< Autors, dessen "Figuren nachts an ihre Chefs denken und doch zugleich wissen, dass ihre Chefs nicht an sie denken", erwirtschaftet der ihnen mit seiner bewundernswerten Eloquenz und subtilen psychologischen Kasuistik zur Seite stehende Autor am Ende wenigstens "Sichtbarkeitstriumphe", so dass seine Erniedrigten und Beleidigten, Übersehenen und Zurückgesetzten "noch einmal davonkommen" (Thornton Wilder) - als Gerettete und doch auch Geliebte. Glanz und Elend des (deutschen) Kleinbürgertums hat in Martin Walser den größten Chronisten der deutschsprachigen Literatur nach dem II.Weltkrieg gefunden.
Glanz und Elend, wohlgemerkt. Es sieht jedoch so aus, als begleiche der Autor den Glanz seiner epischen Ausflüge zunehmend mit dem Elend seiner persönlichen Offenbarungen. (Und da er "Moral" als gesellschaftlich vermitteltes Feld von Werten und Präferenzen dem heideggerschen >Man< zurechnet - als Dauerpräsenz von Schuld, resp. Schande - >erwirtschaftet< er durch die Amoralität der in seinen Reden zum Selbstgespräch (ZEIT, vom 13. 1. 2000) nobilitierten Erlebten Rede des Erzählers jene Ambivalenzen, die ihm einerseits erlauben, >unschuldig< aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen, andererseits sich in öffentlichen Konflikten, die er sucht, als vogelfreier, "aufrichtiger" Schriftsteller zu gerieren, dem Widersprechende das freie Wort verbieten wollen. Die verfolgende Unschuld spielt sich als verfolgte auf: gegen "Rechthaber", die "den Eindruck erwecken", sie seien "der bessere Mensch" - dabei will er doch den Eindruck erwecken, er sei es. Ein Nietzscheaner vom Bodensee: "Ich sage zu mir: Keiner ist böser als du. Und ich sage dazu: Ist doch beruhigend. Und ich sage dazu: Aber beunruhigend auch. Aber nicht zu sehr". (ZEIT, a.a.O.)

Unzählige Male hat Walser nicht nur für sich, sondern auch gleich für alle Literatur die Erfahrung der Ohnmacht und des Mangels zur Initialzündung des kreativen Schaffensprozesses erklärt. Zumindest aber sein ganzes episches Werk steht im Zeichen eines Ich-Schwachen, Hochsensiblen, Vertrauens- und Anlehnungsbedürftigen, der an der Welt und seiner darin nicht bloß materiell ungesicherten Existenz "leidet" - und zugleich "ein Wunschpotential hat", das auf Erlösung oder Rettung und (mangels religiöser "Ich-Überschreitungen") zumindest auf (öffentliche) Anerkennung, auf "Sichtbarkeitstriumphe" zielt. Daher die geistige Nähe zum Oeuvre Robert Walsers - und bislang noch nicht hinreichend beachtet, auch in Hinblick auf Walsers politische Kehre, zu Dostojewski, der nach seinen "revolutionären" Sympathien, die ihm den Aufenthalt In einem Totenhaus eintrugen, allen umstürzlerischen Ideen abschwor und "das Volk" als Leidenssubjekt entdeckte.

Zu Teil 5

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