10. Jahrestag der Anschläge auf das WTC
11.09.2011
»The buckling rumble of the fall«: 9/11 - Die Mutter aller Ereignisse
Zehn Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center ist der Prozess der Analyse der Bedeutung dieses einen Tages in vollem Gange. Fast scheint es so, als hätte sich der Schock gelegt und Platz für nüchterne und rationale Betrachtungsweisen geschaffen. Wie schwer es aber nach wie vor fällt, das Geschehene zu begreifen, zeigt sich zum einen vor allem am medialen Umgang mit diesem Ereignis, der über die mechanische Wiederholung der Bilder kaum hinausgeht, zum anderen an den teilweise wilden und kuriosen Verschwörungstheorien, die in diesen Tagen ein erstaunliches Revival erleben. Von MAIKE ROTHGANG
Die Wucht, mit der dieses Ereignis plötzlich in Form eines real gewordenen Katastrophenfilms in die mediale Welt hereinbrach, initiierte beim Zuschauer einen Bruch in der Beziehung von ›Bild‹ und ›Realität‹. Daraus resultierte eine Art verbale Impotenz, die Unfähigkeit das Geschehene und seine Bedeutung zu beschreiben, bzw. zu benennen. Und so bleibt von der Auseinandersetzung mit diesem Ereignis vor allem eines zurück: die endlose Wiederholung eines Datums. Die Fragen nach dem ›Warum‹, nach einem greifbaren Grund und nach einem geeigneten Umgang mit den Anschlägen und der allgegenwärtigen Terrorangst bleiben jedoch weitestgehend unbeantwortet. Um zu verstehen, warum es uns so schwerfällt, das symbolische Erbe dieses Tages zu erfassen, und warum wir immer wieder versucht sind, in die Fiktion und somit Verschwörungstheorien zu flüchten, lohnt sich ein Blick in die Welt der Philosphie.
Warum wir nicht wissen, worüber wir reden
In seinem Dialog über den 11. September mit Giovanna Borradori und Jürgen Habermas erklärt der inzwischen verstorbene französische Philosoph Jacques Derrida, warum für die Anschläge auf das World Trade Center kein besserer Name gefunden wurde als ›Der 11. September‹ – oder einfach: ›9/11‹: Die Kürze der Bezeichnung gehe nicht nur auf ein ökonomisches bzw. rhetorisches Bedürfnis zurück. Die Bedeutung, die dieser Metonymie, also der Zweckentfremdung eines Begriffs innewohnt, ist die des ›Unqualifizierbaren‹, des Unbenennbaren. Dabei bemerken wir aber nicht, dass wir (noch) nicht dazu in der Lage sind, dieses Ereignis zu benennen – oder gar zu qualifizieren. Wenn wir über den 11. September reden, wissen wir also gar nicht, worüber wir reden: »[...] we do not know what we are talking about«. Wir haben das Ausmaß der Bedeutung noch nicht erfasst. Dabei, oder gerade deswegen, wiederholen wir den Begriff ›11. September‹ aber ständig – fast zwanghaft. Derrida sieht hierin eine Art ›Exorzismus‹, der auf zwei Ebenen abläuft: Zum einen schafft die ständige Wiederholung Distanz, man stumpft ab. (Gleiches gilt im Übrigen auch für die pausenlose Wiederholung der Bilder und Aufnahmen in den Medien). Zum anderen verleugnen wir damit unsere Machtlosigkeit einen ›würdigen‹ Begriff für das Geschehene zu finden: »Something terrible took place on September 11, and in the end we don't know what.«
Baudrillard und das Böse
Der Philospoph Jean Baudrillard zieht in seinem Essay The Spirit of Terrorism eine weniger emotional aufgeladene Betrachtungsweise vor – weswegen es zunächst auch als provokativ und geschmacklos zurückgewiesen wurde. Er beschreibt die Möglichkeit einer wahrlich unangenehmen Kollusion bzw. Komplizenschaft zwischen den Terroristen und uns (westlichen) Zuschauern. Baudrillard behauptet hierbei, dass wir diesen Anschlag gewollt haben: »It is almost they who did it, but we who wanted it« – und von einer Tragödie dieses Ausmaßes geträumt haben müssen.
Diese terroristische Phantasie der Zerschlagung einer Supermacht schlummere in jedem von uns, da die Menschheit allergisch auf jede Art von bestimmender Ordnung und bevormundender Macht reagiere. Auch wenn dies inakzeptabel für unsere westliche Moralvorstellung sei, so ist es laut Baudrillard dennoch Fakt: Das Böse existiert überall, in jedem von uns, als »obskures Objekt der Begierde«. Ohne diese ›Mittäterschaft‹ hätte der 11. September nicht solch einen Nachhall erzeugt und würde gar seine symbolische Tiefe verlieren. Terroristen wissen in ihrer symbolischen Strategie um diese uneingestandene Komplizenschaft.
»By Taking All the Cards to Itself, it Forces the Other to Change the Rules«
Für Baudrillard sind die Anschläge das unausweichliche Resultat der Globalisierung und der daraus entstandenen Machtzunahme der Vereinigten Staaten. Sie sind »terror against terror«. Die Allgegenwärtigkeit und die Dominanz der amerikanischen Wirtschafts-, Kultur- und Militärmaschinerie provozierte einen terroristischen Gegenschlag: »It is the system itself that has created the objective conditions for this brutal distortion. By taking all the cards to itself, it forces the Other to change the rules of the game.« Baudrillard bestreitet nicht die Amoralität der Anschläge, jedoch spricht er der westlichen Welt die gleiche Gewissenslosigkeit zu. Die Terroristen setzten mit ihrem Anschlag auf das World Trade Center ein visuelles symbolisches Zeichen; die zusammenbrechenden Türme sind an symbolischer Kraft kaum zu übertreffen.
Auch Habermas weist auf die Symbolkraft der Anschläge hin. Die Terroristen hätten es nicht nur geschafft, das höchste Gebäude Manhattans zu zerstören, sondern gleichzeitig eine Ikone der amerikanischen Bevölkerung und ihrer Wirtschaftsmacht zu Fall gebracht. Aber auch die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten waren sich der Bedeutung der sichtbaren Symbolik im Kampf gegen den Terror bewusst, vor den Anschlägen mit dem Einmarsch in Afghanistan und nach den Anschlägen mit dem Einmarsch in den Irak.
The Spirit of Terrorism
Den alles entscheidenden Unterschied zwischen uns und den Terroristen sieht Baudrillard in einer einzigen fatalen Waffe: dem eigenen Tod. Für das christlich-abendländische Wertesystem, in der vor allem das Individuum mitsamt seinen Entfaltungsmöglichkeit zählt, ist die Vorstellung des eigenen Todes zum Wohl eines höheren (fanatischen) Zieles mehr als befremdlich. Genau hierin liegt die Ursache unserer Machtlosigkeit. Unsere Gesellschaft und auch unsere Kriege sind auf eine ›zero-death‹-Quote ausgelegt. Dem Assassinen des 21. Jahrhunderts haben wir nichts entgegenzusetzen. »Früher war der suizidale Terrorismus der Terrorismus der Armen. Dies aber ist der Terrorismus der Reichen. Und genau macht uns Angst. Sie (die Terroristen) sind reich geworden, ohne jemals damit aufgehört zu haben, uns ausrotten zu wollen.«

Foto: Public Domain
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