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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:41

 

Fritz Grünbaum: Das Cabaret ist mein Ruin

22.09.2005

Rothschild's CD-Tipp:

Ausgestorben


Wenn auf der Tonaufnahme auch die visuelle Komponente schmerzlich fehlt – sie ist besser als nichts und auch besser als eine Buchausgabe

 

Unter Kabarett stellt sich jeder etwas anderes vor. Manche denken an Josef Hader, manche an Bruno Jonas, manche an Dieter Hildenbrandt, manche an Lore Lorentz, manche an Wolfgang Neuss, andere an Gerhard Bronner. Was sie gemacht haben oder noch machen ist sehr unterschiedlich. Die Blütezeit des Kabaretts in den Großstädten der deutschsprachigen Länder aber war vor dem zweiten Weltkrieg. Es ist ausgestorben worden, denn es war zu einem beträchtlichen Teil jüdisch. Und unter den Legenden dieser Jahre eine der größten war Fritz Grünbaum.

Volker Kühn, der sich seit vielen Jahren um die Archivierung, die Propagierung und die Wiederbelebung der Kabarettgeschichte verdient gemacht hat, hat auf zwei CDs Aufnahmen von und mit Fritz Grünbaum zusammengestellt, Conférencen (heute spräche man von Standup Comedy), Szenen und Schlager, denen man die zum Teil schlechte Tonqualität gerne nachsieht. Auch Couplets in der sehr Wienerischen Tradition des Volkstheaters und Johann Nepomuk Nestroys sind dabei und Lieder, die Grünbaum für Operetten getextet hat. Hinzugefügt ist ein Feature über Fritz Grünbaum, das Volker Kühn für den Deutschlandfunk produziert hat.

Grünbaums Texte sind altmodisch und zeitlos zugleich. Ganz aus der Mode gekommen sind gesprochene (also unvertonte) gereimte Texte, die Grünbaum liebt. Seine Themen entnimmt er dem Alltag, sie beziehen ihre Anregungen aus der Epoche, in der die Texte entstanden sind, aber so fremd ist uns die, wie man mit Erstaunen und Schrecken feststellt, gar nicht geworden. Es ist viel vom Geld die Rede, das man in der Zeit der Weltwirtschaftskrise nicht hatte. Manche Pointen sind schlüpfrig, aber nicht zotig, wie die gegenwärtige Fernsehunterhaltung. Grünbaum wusste noch, dass die Andeutung witziger ist als die ausgesprochene Sauerei.
Wer einen Eindruck gewinnen will vom Vortragskünstler Fritz Grünbaum, der höre sich nur „Fein-Elschen und die Viere“ an. Kabarett ist eben nicht bloß Text, sondern auch Interpretation. Und wenn auf der Tonaufnahme auch die visuelle Komponente schmerzlich fehlt – sie ist besser als nichts und auch besser als eine Buchausgabe.
Die Box ist in der verdienstvollen CD-Edition „Vertriebene deutsch/jüdische Schauspieler“ erschienen. Dieser Titel ist, jedenfalls bei Fritz Grünbaum, ein Euphemismus. Er wurde nicht vertrieben, sondern ermordet. Woher diese Scheu vor der Wahrheit?

Ich erinnere mich mit Schaudern an das schallende Lachen des deutschen Kinopublikums, als Woody Allen in einem seiner Filme sagte, wenn seine Eltern in Polen geblieben wären, wäre er jetzt ein Lampenschirm. Aber so funktioniert Humor. Im Wien der Ersten Republik zerkugelten sich auch Antisemiten über den Juden Fritz Grünbaum. Das hinderte sie nicht, der NSDAP beizutreten. Man kann offenbar Juden als Kabarettisten dulden wie Schwarze als Jazzmusiker und zugleich ihre Diskriminierung mitmachen. Mit Toleranz hat das soviel zu tun wie Georg Kreislers Taubenvergiften mit Tierliebe. Witze dürfte Grünbaum auch heute noch reißen. Dachau ist ihm dazwischengekommen. Pech gehabt.

Thomas Rothschild


Fritz Grünbaum: Das Cabaret ist mein Ruin. Edition Mnemosyne, VS 2005.

 

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