Den eloquenten Advokaten der Mode, die das propagandistische Geschäft des raschen Umsatzes und der Vernichtung von Brauchbarem betreiben, muss die Frage gestellt werden: Wie kommt es wohl, dass es Möbel und Einrichtungsgegenstände gibt, die heute, bald ein Jahrhundert nach ihrer Entwicklung, noch eben so zeitgenössisch wirken wie am ersten Tag? Wie kommt es, dass sie partout nicht "veralten", dass man ihrer nicht müde wird, dass sie so manchen Schnickschnack überlebt haben, für den irregeführte Konsumenten mit geringem Selbstbewusstsein Vermögen ausgegeben haben?
Dass es Design gibt, das die Moden transzendiert, nicht anders als eine Kantate Bachs, eine Oper Mozarts, eine Sonate Schuberts oder auch die Tragödien der griechischen Antike, ist heute kein Geheimnis mehr. In allen Großstädten existieren Läden, die sich auf Produkte spezialisiert haben, die man längst auch in Museen der modernen Kunst antrifft. In Wien waren es Katarina und Peter Noever, die 1971 in der Innenstadt die Section N gründeten, ein von Hans Hollein entworfenes kleines Einrichtungshaus. Sie haben damit Pionierarbeit geleistet. Sechzehn Jahre später, als die Philosophie der Section N kein Geheimwissen mehr war und man einen Stuhl von Marcel Breuer oder einen Hocker von Alvar Aalto nicht mehr wie eine Entdeckung vorstellen musste, wurde das Projekt beendet. Jetzt hat Katarina Noever eine CD-ROM produziert, die dokumentiert, was mittlerweile historisch und doch nach wie vor aktuell erscheint. Sie lädt zum Spielen ein.
Man findet auf ihr die Gegenstände, die von der Section N verkauft wurden: Stühle - darunter der begehrte, ursprünglich 1880 entworfene "Ottakringer", der sich in eine kleine Leiter umwandeln lässt - und weiche Sessel, Tische, Schränke, Büromöbel, Betten, Kleinmöbel, Lampen, Haushaltsartikel und manches mehr. Sie rekapituliert die Ausstellungen, die zwischen 1971 und 1985 ausgerichtet wurden. Sie schmeichelt mit Fotos der Eitelkeit prominenter Entwerfer und Autoren und fast ebenso prominenter Kunden. Und sie dokumentiert die Reaktionen von Presse und TV auf das Unternehmen, das seinen festen Platz einnimmt zwischen Kommerz und Kunst. Nicht zufällig ist Peter Noever der Direktor des durch seine Aktivitäten renommierten Museums für angewandte Kunst (MAK) in Wien.
Thomas Rothschild
Section N. Design-Archiv. Wien 1971-1987.
Vertrieb:
Buchhandlung Walther König