Wenn der Nicht-mehr-Heine-Preisträger Peter Handke zu jenen gehört, auf die immer wieder kontrovers reagiert wird, so herrscht gegenüber dem heurigen Büchner-Preisträger Oskar Pastior Einmütigkeit. Ich kenne niemanden, der von diesem Dichter nicht voll Ehrfurcht, ja Liebe spricht. Das hat mit seiner Dichtung zu tun, aber auch mit seinem Charakter. Der aus Rumänien stammende Poet besticht durch seine Bescheidenheit und Freundlichkeit. Er gehört seit vielen Jahren zu den anerkannten Wortführern der konkreten Poesie. Ernst Jandl in mancher Hinsicht vergleichbar, aber - wie Gerhard Rühm oder Franz Mon oder Eugen Gomringer - stärker von mathematischen Prinzipien geleitet, pflegt er das Spielerische in der Dichtung, die Möglichkeiten der Kombinatorik, der Permutation, des Palindroms. Die Tradition eines Velimir Chlebnikov, des Erfinders einer "transmentalen Sprache", oder eines Kurt Schwitters, des Schöpfers der "Ursonate", ist ihm näher als die Bemühung, mit Poesie Tiefsinn zu artikulieren. Weil Laute und Wörter, Syntagmen und Sätze auf sich selbst verweisen und nicht eine außerpoetische Wahrheit verkünden sollen, flicht er immer wieder "sinnlose" Lautverbindungen in seine Verse. Seine Dichtung geht mit "Bedeutung" ähnlich um wie Musik. Das prädestiniert sie für eine Herausforderung an Musiker. Auch Jandl hat bekanntlich gerne mit Jazzmusikern gearbeitet.
In der Sängerin Gabriele Hasler hat Pastior die ideale Partnerin gefunden. Roger Hanschel kommt mit Alt- und Sopransaxophon hinzu. Auf der ansprechend gestalteten CD findet man Lesungen des Dichters neben musikalischen Inventionen und Vertonungen im traditionellen Sinn. Wo die Semantik in den Hintergrund tritt, gewinnt das (regelmäßige) Metrum buchstäblich wieder an Bedeutung. Das kommt einer musikalischen Bearbeitung entgegen. Das Ganze bildet eine Einheit, nicht aber eine Symbiose. Es ist weder bloß Rezitation mit Zwischenspiel, noch ein Liederzyklus, der den Text hinter die Musik verdrängt. Als die CD produziert wurde, konnten die Beteiligten von der hohen Ehrung Pastiors, die spät, aber verdient eintrifft, noch nichts ahnen. Nun dürfen er und seine Bewunderer diese CD als Geschenk zum Anlass betrachten.
Thomas Rothschild
Hasler/Hanschel/Pastior: frösche und teebeutel. Foolish Music, FM 211 006 (Vertrieb: JazzHausMusik)
HörbeispieleHomepage von Gabriele HaslerHomepage von Roger Hanschel