Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 14:41

 

Hasler/Hanschel/Pastior: frösche und teebeutel

29.06.2006

Rothschild's CD-Tipp:

Der Büchner-Preisträger


Weil Laute und Wörter, Syntagmen und Sätze auf sich selbst verweisen und nicht eine außerpoetische Wahrheit verkünden sollen, flicht Pastior immer wieder "sinnlose" Lautverbindungen in seine Verse. Seine Dichtung geht mit "Bedeutung" ähnlich um wie Musik. Das prädestiniert sie für eine Herausforderung an Musiker.

 

Wenn der Nicht-mehr-Heine-Preisträger Peter Handke zu jenen gehört, auf die immer wieder kontrovers reagiert wird, so herrscht gegenüber dem heurigen Büchner-Preisträger Oskar Pastior Einmütigkeit. Ich kenne niemanden, der von diesem Dichter nicht voll Ehrfurcht, ja Liebe spricht. Das hat mit seiner Dichtung zu tun, aber auch mit seinem Charakter. Der aus Rumänien stammende Poet besticht durch seine Bescheidenheit und Freundlichkeit. Er gehört seit vielen Jahren zu den anerkannten Wortführern der konkreten Poesie. Ernst Jandl in mancher Hinsicht vergleichbar, aber - wie Gerhard Rühm oder Franz Mon oder Eugen Gomringer - stärker von mathematischen Prinzipien geleitet, pflegt er das Spielerische in der Dichtung, die Möglichkeiten der Kombinatorik, der Permutation, des Palindroms. Die Tradition eines Velimir Chlebnikov, des Erfinders einer "transmentalen Sprache", oder eines Kurt Schwitters, des Schöpfers der "Ursonate", ist ihm näher als die Bemühung, mit Poesie Tiefsinn zu artikulieren. Weil Laute und Wörter, Syntagmen und Sätze auf sich selbst verweisen und nicht eine außerpoetische Wahrheit verkünden sollen, flicht er immer wieder "sinnlose" Lautverbindungen in seine Verse. Seine Dichtung geht mit "Bedeutung" ähnlich um wie Musik. Das prädestiniert sie für eine Herausforderung an Musiker. Auch Jandl hat bekanntlich gerne mit Jazzmusikern gearbeitet.

In der Sängerin Gabriele Hasler hat Pastior die ideale Partnerin gefunden. Roger Hanschel kommt mit Alt- und Sopransaxophon hinzu. Auf der ansprechend gestalteten CD findet man Lesungen des Dichters neben musikalischen Inventionen und Vertonungen im traditionellen Sinn. Wo die Semantik in den Hintergrund tritt, gewinnt das (regelmäßige) Metrum buchstäblich wieder an Bedeutung. Das kommt einer musikalischen Bearbeitung entgegen. Das Ganze bildet eine Einheit, nicht aber eine Symbiose. Es ist weder bloß Rezitation mit Zwischenspiel, noch ein Liederzyklus, der den Text hinter die Musik verdrängt. Als die CD produziert wurde, konnten die Beteiligten von der hohen Ehrung Pastiors, die spät, aber verdient eintrifft, noch nichts ahnen. Nun dürfen er und seine Bewunderer diese CD als Geschenk zum Anlass betrachten.

Thomas Rothschild



Hasler/Hanschel/Pastior: frösche und teebeutel. Foolish Music, FM 211 006 (Vertrieb: JazzHausMusik)
Hörbeispiele
Homepage von Gabriele Hasler
Homepage von Roger Hanschel

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Hausberg-Musik

Spätestens seit Ende letzten Jahres La Brass Banda nach über 500 Konzerten weltweit die Münchner Olympiahalle füllten, dürfte ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...