Man erinnert sich an die Begeisterung, die Keith Jarrett mit seinen Solokonzerten hervorrief, in denen er frei improvisierte. Wieviel erstaunlicher ist es, wenn vier Musiker ganz ohne harmonisches Gerüst zusammen Improvisationen produzieren, die wie aus einem Guss erscheinen. Welch eine Einfühlung, welch eine Übereinstimmung der musikalischen Ideen, der spontanen Konzeption von Abläufen und Entwicklungen! Ab und zu, vor allem dann am Schluss, schält sich aus den Vorgaben einzelner Stimmen so etwas wie eine Liedstruktur heraus, eine einfache Melodie, die variiert und ausgeführt wird. Denn anders als beim Free Jazz basiert die Musik, von der hier die Rede ist, auf Tonalität.
Wenn Karlheinz Stockhausen wahrscheinlich der einflussreichste Komponist für die neuere, jedenfalls für die elektronische Musik war, so ist für seinen Sohn Markus, der sich dem Jazz zugewandt hat, ohne Zweifel Miles Davis der wichtigste Anreger. Ganze Passagen der Doppel-CD, die er mit seinem Quartett Electric Treasures bei einem Bonner Konzert live aufgenommen hat und die nur eine Unterbrechung aufweist, erinnern an die spätere Phase des großen Trompeters, sind genau genommen ohne ihn kaum denkbar. Mit Stockhausen spielen der Bassist Arild Andersen und der Schlagzeuger Patrice Héral, mit denen Stockhausen schon seit längerem kooperiert. Hinzugekommen ist der Keyboarder Vladyslav Sendecki. Das Beiwort „Electric“ im Gruppennamen könnte suggerieren, dass Markus Stockhausen in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, und tatsächlich ist diese Musik auf Elektrizität angewiesen, aber die wird nicht etwa ausgereizt, mit Effekten wird sparsam umgegangen. Wir haben uns ohnedies angewöhnt, den Klang elektrisch verstärkter Instrumente als „natürlich“ zu empfinden. In diesen kollektiven Improvisationen wird das musikalische Material nicht durch Verzerrungen zerstört, sondern lediglich durch die Nutzung von Technik gefärbt.
Einst war die Überraschung groß, als man erfuhr, dass die „Bachtrompete“ in den „Strawberry Fields“ der Beatles in Wahrheit synthetisch imitiert worden war. Derlei Zaubertricks hat Stockhausen nicht nötig. Seine Trompete steht, allen technischen Hilfsmitteln zum Trotz, in einer „klassischen“ Tradition, die ja auch Miles Davis, selbst nach „Bitches Brew“, nie wirklich verlassen hat. Das gilt entsprechend auch für seine Mitmusiker. Was sich allenfalls dem Sounddesign verdankt, ist eine Homogenität, die mit den Instrumenten allein nicht herzustellen wäre.
Thomas Rothschild
Electric Treasures live in Bonn. Aktivraum, AR 10107.
Weitere Infos bei www.aktivraummusik.de