Es wäre nicht abwegig, wenn man zu der Ansicht gelangte, die heroische Zeit der Jazzsängerinnen sei endgültig vorbei. Die Sensation, die ein Auftritt von Ella Fitzgerald über Jahre hinweg bedeutete, die schwärmerische Begeisterung, die Aufnahmen von Bessie Smith oder Billie Holiday bei Jazzfans hervorrufen konnten, sind für junge Leute kaum noch vorstellbar. Verglichen mit diesen Gigantinnen sind Modeerscheinungen wie Norah Jones bestenfalls gutwillige Epigoninnen.
Dazwischen aber, zwischen den (in der Regel schwarzen) weiblichen Stars des Jazzgesangs und den heutigen Nachahmerinnen gibt es einige wenige, die einerseits die Tradition des Swing und des frühen Bebop weiterführen und andererseits eine ganz eigene Note einbringen. (Von der avantgardistischen Linie ist in diesem Kontext nicht die Rede: Sängerinnen wie Jeanne Lee, Norma Winstone, Urszula Dudziak oder Lauren Newton sind natürlich eine Klasse für sich – und bemerkenswerterweise mehrheitlich weiß.)
Wahrscheinlich die Interessanteste und Eigenwilligste unter den Sängerinnen nach Anita O’Day ist Cassandra Wilson. Keine hat so sehr wie sie eine Synthese zwischen der Expressivität des frühen Jazz und einer demonstrativen Künstlichkeit angepeilt. Die Kategorie der „Authentizität“, die im Rock eine zentrale Rolle spielt – und man darf nicht vergessen, dass Cassandra Wilson, in jenem Jahr geboren, in dem Elvis Presley seinen Aufstieg begann, buchstäblich ein Kind des Rockzeitalters ist –, wird bei der Sängerin aus Jackson, Mississippi, zugunsten der stimmlichen Virtuosität, der Klanggestaltung und der differenzierten Phrasierung dispensiert. Vitalität wird hier nicht mit Lautstärke gleichgesetzt, und die Möglichkeiten des Mikrophons und der Technik werden intelligent genützt. Cassandra Wilsons Gesang ist im besten Sinne „Kunstmusik“, ohne deshalb den Charakter des Jazz zu verraten.
Freilich steht Cassandra Wilson auf ihrer jüngsten Aufnahme eine Band zur Seite, die ihre stilistischen Intentionen kongenial aufnimmt, wobei die Rhythmusgruppe, ganz traditionell, für den Drive sorgt. Namentlich hervorgehoben sei der Gitarrist Marvin Sewell, der stellenweise fast solistisch die „Führung“ übernimmt und für den allein sich der Kauf der CD lohnt. Das Spectrum der ausgewählten Songs reicht von dem Hauptthema aus Marcel Camus’ legendärem Film „Orfeo Negro“ über „Wouldn’t It Be Loverly“ aus „My Fair Lady“ und Duke Ellingtons unverwüstlichem „Caravan“ bis zu einer atemberaubenden Version des „St. James Infirmary Blues“.
Thomas Rothschild
Cassandra Wilson: Loverly. Blue Note, 50999 5 07699 2 6 (Vertrieb: EMI).
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