Eine Eigenschaft von Skandalen ist es, dass sie meist schon nach kurzer Zeit nur noch als komisch erscheinen. Die Erregung ist verpufft, die Geschichte blamiert jene, die sich ereifert und oft auch Schaden angerichtet haben. Ein Trost?
Der „Skandal“ um das Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, der dazu führte, dass es nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen 1972 abgesetzt werden musste, rührte daher, dass der Autor Thomas Bernhard und der Regisseur Claus Peymann darauf bestanden, was die Theaterpolizei ablehnte: dass es am Ende vollkommen finster werde, auch die Notlichter im Theater gelöscht werden müssten. Diese Anweisung ist, sieht man sich das Stück genauer an, absolut unverzichtbar. Der Schluss in der Finsternis gehört zu den genialen Schlüssen, die einige von Bernhards Theaterstücken auszeichnen.
Die Farce um die Notlichter hat die Erinnerung an eine große Inszenierung buchstäblich verdunkelt. Betrachtet man diese Inszenierung, die jetzt auf DVD vorliegt, mit einem Abstand von 36 Jahren, so beglückt vor allem ein Aspekt: das Zusammentreffen von zwei der größten Schauspieler, die das deutschsprachige Theater hervorgebracht hat, von Bruno Ganz und Ulrich Wildgruber. Thomas Bernhard hat vielleicht bessere Stücke geschrieben als dieses, es gibt auch nach Ganz und Wildgruber eine ganze Reihe von ausgesprochenen Bernhard-Darstellern, aber die Wiederbegegnung mit den damals noch jungen Virtuosen aus dem Umfeld von Stein und Zadek ist allemal ein Erlebnis. Freilich: gerade Bruno Ganz zeigt in der karikaturhaften Rolle des Doktors nur einen Teil seiner Begabung, und für Ulrich Wildgruber, der sich vor ein paar Jahren das Leben nahm, wünschte man sich mehr Text. Es war gerade seine unverwechselbare Sprechweise, was ihn dem Gedächtnis einprägte.
Für die Videothek legendärer Inszenierung ist diese DVD jedenfalls eine Bereicherung. Auch und gerade jenseits des Skandals.
Thomas Rothschild
Thomas Bernhard: Der Ignorant und der Wahnsinnige. Arthaus Theater, 101 604.