Einer der Größten aus der Country Music und ein Star des zeitgenössischen Jazz treffen sich in Standards – das Stichwort „Blues“ auf dem Cover trifft nur auf einen Teil der Titel zu.
Willie Nelson und Wynton Marsalis interpretieren bekannte Songs, unbekümmert um stilistische Konventionen, mit spürbarer Freude am Musizieren. Mit uneingeschränktem Vergnügen lauscht man ihrer Version von „Georgia On My Mind“, als hätte man dieses Evergreen nicht schon hundert Mal gehört. Dass die CD solch einen Genuss gewährt, verdankt sie freilich der ganzen Band.
Hervorgehoben seien das Piano-Intro von Dan Nimmer zu „Stardust“ und die Schlagzeug-Soli von All Jackson in „My Bucket’s Got A Hole In It“ und in der rockigen Abschlussnummer „That’s All“. Hinzukommen bei dieser Live-Aufnahme aus dem New Yorker Lincoln Center Walter Blanding am Saxophon, Mickey Raphael an der Mundharmonika und Carlos Henriquez am Bass.
„Der Spiegel“, dem seit Jahren nichts mehr einfällt, was den Kauf dieses einstmals unverzichtbaren Nachrichtenmagazins rechtfertigen würde, stellt seine „Aktualität“ unter Beweis, indem er sich einfach nicht an Veröffentlichungsdaten hält wie jeder anständige Journalist.
Die Rezensionsexemplare der CD von Nelson und Marsalis standen den Kritikern schon lange vor der Veröffentlichung in dieser Woche zur Verfügung. Wer noch in Kategorien des Anstands statt der Konkurrenz denkt, belässt seine Besprechung so lange im Computer, bis die CD auch im Handel zu erwerben ist.
Der „Spiegel“ besetzte drei Wochen vorher den Startplatz, wie es manche Buchrezensenten unter bewusstem Regelverstoß und gegen die ausdrückliche Bitte der Verlage tun. Nun wäre das noch verzeihlich, wenn der „Spiegel“ auch nur einen Gedanken zu vermitteln hätte. Aber seine Meldung ist das pure Nichts, dazu noch in sich widersprüchlich.
Da schreibt der Autor am Anfang, die Plattenindustrie kämpfe mit ungewöhnlichen Ideen um bessere Umsätze, nur um dann zwei Absätze weiter zu versichern, dass solche Unternehmen nicht neu seien. Ja was nun? Ungewöhnlich oder nicht neu?
Dem Erzeuger des „Spiegel“-Furzes fallen denn als Beleg für die Realisierung gemeinsamer Projekte von Stars verschiedener Genres gerade nur Till Brönner und Thomas Quasthoff ein. Kurz ist das Gedächtnis der Hamburger Postille. Lange vor Nelson und Marsalis, Brönner und Quasthoff haben zum Beispiel Grappelli und Menuhin zusammen musiziert, Gulda und Chick Corea, Benny Goodman und Charles Munch, Sinatra und Pavarotti.
Till Brönner, ein Meister des Epigonalen und der marktkonformen Verwertung gängiger Trends, eignet sich als Repräsentant des Ungewöhnlichen wie Angela Merkel als Advokatin irischer Mehrheiten. Die Wahrheit ist: genreübergreifende Kooperationen gehören zum musikalischen Alltag und sind so „ungewöhnlich“ wie eine lesenwerte Nachricht im „Spiegel“.
Thomas Rothschild
Willie Nelson & Wynton Marsalis: Two Men with the Blues. Advance Music/Blue Note, 50999 2 06462 2 (Vertrieb: EMI).
Reinhören auf der gemeinsamen Homepage