Die große Zeit des polnischen Kinos war Ende der fünfziger Jahre, fast synchron mit der französischen Nouvelle Vague. Regisseure wie Andrzej Wajda, Andrzej Munk, Jerzy Kawalerowicz, etwas später Roman Polański erregten damals international Aufsehen, die Filmschule in Łódż galt zu Recht als eine der besten auf der Welt.
Die Liberalisierung unter Gomułka wirkte sich vor allem auf den Gebiet der Künste aus, in der Musik, insbesondere im Jazz nicht weniger als auf dem Theater, in der bildenden Kunst und eben auch im Film. Man durfte (fast) alles, und man machte Gebrauch davon. Die polnischen Intellektuellen blickten nach Frankreich und waren stolz darauf, den sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung hinter sich gelassen zu haben. Nur Unkenntnis konnte damals zu der arroganten Überzeugung verleiten, der Westen sei dem „Ostblock“ in seiner künstlerischen Produktion überlegen.
Was das Kino betrifft, so folgten den Polen bald die Tschechen und Slowaken und dann die Ungarn mit Meisterwerken, die in die Filmgeschichte eingegangen sind.
Nach dem sensationellen Aufbruch der genannten Regisseure gab es dann allerdings nicht gleich scharenweise Nachfolgetalente, die sich an ihnen messen konnten. Die Ausnahmen hießen Krzysztof Zanussi, Jerzy Skolimowski und später dann Agnieszka Holland.
Mitte der siebziger Jahre betrat auch ein Regisseur die Szene, der heute wohl als der bekannteste polnische Filmemacher gelten darf: Krzysztof Kieślowski, dessen Name nur in Schriftbild ein Zungenbrecher zu sein scheint. Man spricht ihn Kschyschtof Kjeschlofski aus, mit Betonung auf den vorletzten Silben. Berühmt wurde er durch seine Drei-Farben-Trilogie und durch seinen „Dekalog“.
Aber bereits sein Debüt fürs Kino – der deutsche Titel lautet „Der Filmamateur“ – wurde beim Filmfestival in Mannheim bewundert und unter anderem in Moskau preisgekrönt, wenn er auch den Durchbruch beim großen Publikum nicht schaffen konnte.
„Der Filmamateur“, der jetzt in der neuen Reihe goEast, einer Zusammenarbeit des Wiesbadener Filmfestivals mit absolut MEDIEN und der Frankfurter Rundschau, auf DVD erschienen ist, steht noch ganz in der Tradition der dokumentaristischen Schule, wie sie in Łódż gepflegt wurde. Der Film ähnelt eher den britischen Filmen der achtziger und neunziger Jahre als den späteren, zu einem religiösen Mystizismus neigenden Filmen Kieślowskis. Seine Story bleibt wie die Kamera an den Figuren, eng am Alltag, vermittelt ein Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit über eine Privatgeschichte.
Da der „Held“ Filmamateur ist, kann Kieślowski seine eigenen Erfahrungen als Filmemacher einbauen. „Der Filmamateur“ ist nicht zuletzt eine Reflexion über das Wesen des Films mit den Mitteln des Films.
Ergänzt wird „Der Filmamateur“ durch den zwei Jahre danach entstandenen Spielfilm „Der Zufall möglicherweise“, der – ein Nachfolger von Kurosawas „Rashomon“ – drei Schlüsse anbietet, nicht als Versionen einer Erzählung aus unterschiedlicher Sicht, sondern als Angebote an den Zuschauer. Zusammengenommen zeigen die zwei Filme, welche Entwicklung Kieślowski in dieser kurzen Zeit durchlaufen hat. Er selbst war mit „Der Zufall möglicherweise“ im Rückblick nicht ganz zufrieden. Ob zu Recht oder zu Unrecht, mag der heutige Betrachter beurteilen.
Thomas Rothschild
Krzysztof Kieślowski: Der Filmamateur. Der Zufall möglicherweise. absolut MEDIEN.
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