Die erstaunliche Konjunktur von Hörbüchern bei gleichzeitiger Abnahme der Lesefähigkeit hat manche Beobachter zu der These einer Rückkehr zu den Ursprüngen der Literatur, zur Mündlichkeit verleitet. In Wahrheit wurde ja, in unserer Kultur und erst recht weltweit, stets erzählt, in unterschiedlicher Form, in unterschiedlichem Ausmaß. Die sprichwörtliche Großmutter, die dem Enkel Märchen erzählt, ist von der Tonbandkassette und dann von der CD weitgehend ersetzt worden, aber der mündliche Vortrag hat stets, und nicht nur für Kinder, seine Faszination ausgeübt, die anderer Art ist als die Faszination, die von der einsamen Lektüre ausgeht. Träfe die Annahme eines grundsätzlichen Wandels zu, müssten die fast 28 Stunden, die man auf zwei MP3-CDs bei Zweitausendeins kaufen kann, erst kürzlich aufgenommen worden sein. Sie stammen aber aus den fünfziger Jahren, und die Erzählerin, deren Stimme da konserviert ist, ist seit 45 Jahren tot.
Sie heißt Elsa Sophia von Kamphoevener und gibt sich als Tochter eines türkischen Paschas, die in Männerkleidung durch Anatolien geritten sei. In Wahrheit war sie die Tochter eines preußischen Offiziers, die ihre Schulzeit und die Jahre danach – insgesamt dreiundzwanzig Jahre – in Konstantinopel verbrachte. Sie erzählt orientalische Märchen oder, wie sie präzisiert, Geschichten der kleinasiatischen Nomaden, gelegentlich auch aus anderen Kulturen. Sie spricht frei, stockend zuweilen, strukturiert ihre Erzählung durch Formeln und Wiederholungen und verrät ihre Identität nur durch gelegentliche ironische Selbstreflexionen, die aber sofort wieder im Fluss der fantastischen Erfindungen aufgehoben werden.
Was sich in den letzten fünfzig Jahren tatsächlich verändert hat, ist nicht die Relation von gedrucktem und gesprochenem Wort, sondern der Respekt vor dem Wort insgesamt. Welcher Rundfunksender würde heute noch die Ausführlichkeit dieser Erzählungen zulassen? Welcher Redakteur spräche noch aus, dass es dafür Hörer gibt? Die Sendung, die Geduld erfordert, sei sie erzählender, reflektierender oder analytischer Art, ist ersetzt worden durch eine Dauerberieselung in diversen Musikfarben – mit einer einzigen Ausnahme: den Sendungen Michael Köhlmeiers im ORF, die in gewisser Hinsicht an die Sendungen der Elsa Sophia von Kamphoevener anknüpfen. Dieser Prozess ist seit langem eingeleitet worden, er ist von den Programmmachern, die ihr Medium im Herzen verachten, gewollt, und die angeblichen Bedürfnisse der Hörer sind lediglich Vorwände und Ausreden. Irgendwann werden die Historiker festhalten, dass die achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts nicht den Übergang von der Schriftkultur zur Mündlichkeit, nicht das Ende des Gutenbergzeitalters eingeleitet haben, sondern den Verrat am öffentlich-rechtlichen Rundfunk als aufklärerischer Institution.
Thomas Rothschild
Elsa Sophia von Kamphoevener: Das Lachen der Scheherazade. Das Hörwerk. Zweitausendeins. Hg. von Robert Galitz, Kurt Kreiler und Katharina Theml. 2 MP3-CDs, Spielzeit 27 Stunden und 45 Minuten. Mit ausführlichem Beibuch in Leinen. 39,90 Euro.
Reinhören bei Zweitausendeins