Immer wieder verweisen engagierte Dirigenten auf die Bedeutung von Joseph Martin Kraus, der im selben Jahr geboren wurde wie Mozart und diesen nur um ein Jahr überlebt hat. Aber im öffentlichen Bewusstsein wie auf den Spielplänen der Opernhäuser und der Konzertzyklen hat er immer noch nicht den ihm gebührenden Platz gefunden. Nun hat die Edition Phoenix in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk eine Weltpremiere auf SACD gebrannt, bei der man sich nur kopfschüttelnd die Frage stellen kann, wieso ein Markt, der von manchen Kompositionen überflüssigerweise Dutzende Einspielungen anzubieten hat, an solch einer musikalischen Kostbarkeit achtlos vorbeigegangen ist.
Es handelt sich um vier Kantaten des Komponisten aus dem Odenwald, der in Diensten des ihm gewogenen schwedischen Königs stand. Die Libretti stammen von dem damals populärsten Librettisten, von Pietro Metastasio. Und die Kantaten waren – seinerzeit nicht unüblich – für eine ganz bestimmte Sängerin bestimmt, nämlich für den überragenden Koloratursopran Lovisa Augusti. Gerade die Virtuosität, die sie der Stimme abverlangen, sollte, möchte man meinen, auch die Stars unserer Tage herausfordern. In Simone Kermes haben sie jedenfalls eine bewundernswerte Interpretin gefunden, die auch die höchsten Töne und die schwierigsten Koloraturen mühelos bewältigt. Die vier Kantaten mit den charakterisierenden Titeln „La Scusa“ („Die Entschuldigung“), „La Primavera“ („Der Frühling“), „La Gelosia“ („Die Eifersucht“) und „La Pesca“ („Der Fischzug“) werden vom jungen Ensemble L’arte del mondo unter Werner Ehrhardt mit Zwischenmusiken zu Voltaires „Olympie“ eingeleitet und unterbrochen. Es sind aber die den Opernkomponisten in jeder Geste verratenden weltlichen Kantaten, die diese Veröffentlichung nicht nur – sprechen wir es hier ungeniert aus – zu einer editorischen Sensation, sondern zu einem uneingeschränkten musikalischen Genuss befördern.
Thomas Rothschild
Joseph Martin Kraus: La Primavera. Phoenix.