Wollte man mittels einer Umfrage den bekanntesten Jazzmusiker aller Zeiten ermitteln – es wäre wohl Louis Armstrong. Er gilt als Inbegriff des Jazz schlechthin, selbst bei jenen, die den Old Time Jazz nicht so recht goutieren. Dabei war Satchmo kein Purist. Berührungsängste gegenüber der Popmusik kannte er nicht. Es ist ja tatsächlich erstaunlich: Armstrongs Aufnahmen sind nicht gealtert. Wenn er nur zwei Takte bläst, ist Louis Armstrong identifizierbar. Der Klang seiner Trompete ist unverwechselbar. Und schwer zu glauben scheint es, dass er mit seiner rauen Stimme keineswegs von Anfang an überall auf Zustimmung stieß. Dass er nicht singen könne, war eine verbreitete Ansicht. Heute wissen wir, dass sein Gesang für Jazz und Rock maßstabbildend wurde wie Enrico Caruso oder Maria Callas für die italienische Oper.
Die 5-CD-Box bei Just Jazz hat den Vorzug, dass man unter den insgesamt 72 Titeln, von denen nur 71 auf der Hülle genannt sind, fast alles findet, was man als Armstrong-Liebhaber sucht (mir fehlen der „Tin Roof Blues“ und der Gospelsong „Shadrack“), und einiges darüber hinaus. Die zwischen dem Ende der dreißiger und dem Anfang der fünfziger Jahre in kleiner und auch größerer Formation aufgenommen Stücke umfassen Evergreens des New Orleans Jazz wie den „St. Louis Blues“, den „Basin Street Blues“, „St. James Infirmary“, „When The Saints Go Marchin’ In“, den „Tiger Rag“, Klassiker des Swing und „Schlager“ wie „C’est Si Bon“, „Mack The Knife“, „What A Wonderful World“, „Hello Dolly“ oder „La Vie En Rose“ in einer sehr originellen Version. Manche Titel sind gar doppelt vertreten – etwa „Ain’t Misbehavin’“ oder „Rockin’ Chair“. Louis Armstrong, der begnadete Entertainer, steht nicht im Widerspruch zum genialen Musiker. Zur Höchstform läuft er auf, wenn er mit der Elite der Crooner und Jazzsängerinnen ein Duett anstimmt. Was gab es doch seinerzeit für witzige Texte, wie konnten die Autoren damals mit Reimen und Metren umgehen!
Leider geizt die Edition mit Informationen. Sie nennt weder die Besetzungen, noch die Aufnahmedaten. Wer sich jedoch mit vier Stunden reinen musikalischen Genusses begnügt, ist gut bedient. Wo „High Society“ angekündigt ist, befindet sich eine ausgeblendete Variante des „Tiger Rag“. Und auch die Klarinettenliebhaber kommen auf ihre Rechnung – bei „Sweet Georgia Brown“, mit der Armstrongs langjähriger Partner Edmond Hall gefeatured wird.
Thomas Rothschild
Louis Armstrong: Historic Collection. 5 CD. Just Jazz (Vertrieb: in-akustik).
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