Heute, retrospektiv, lässt sich sagen, dass die diversen höchst artifiziellen Ausformungen, die der Rock in den siebziger Jahren erfuhr, Signale einer Spätphase waren, ehe Punk und Hip-Hop zu einer neuen Einfachheit zurückfanden. Was zwei Jahrzehnte zuvor als Rock’n’Roll begonnen hatte, war zu einer veritablen Kunstmusik geworden, raffiniert komponiert und arrangiert, eklektisch in der Verarbeitung diverser Einflüsse. Zu den (heute vergessenen*) Meistern gehörte Kevin Ayers, dessen Werk eine prachtvolle Kassette mit 4 CDs nun in Erinnerung ruft.
Kevin Ayers gehörte zu den Gründungsmitgliedern von Soft Machine, einer der interessantesten Avantgardegruppen des Rock. Seine Stimme ist keine typische Rock-Stimme. Joe Cocker oder Bob Seger sind weit entfernt. Ayers ist eher verhalten, zurückgenommen, sodass auch seine literarisch anspruchsvollen Texte zur Geltung kommen. Den Sound erzeugen die Begleitinstrumente, elektronisch verzerrt und komplex im Zusammenspiel. Die Experimente der Beatles und von Pink Floyd haben unüberhörbar Pate gestanden, aber Ayers dringt auch in ganz andere Bereiche vor, zitiert unbekümmert, wechselt von einem Stil in den anderen. Kevin Ayers spielt lustvoll mit den Möglichkeiten der Verzerrung, der technischen Verfremdung und des Stereo. Aber er scheut auch vor schlichten, fast volksliedhaften Songs nicht zurück. Die CD-Box enthält seinerzeit bekannte, aber auch bisher unveröffentlichte (Live-)Aufnahmen. Beigelegt ist ein Text von Mark Powell, der als Musterbeispiel für den in der Rockpublizistik unausrottbaren Neopositivismus gelten kann: Faktenhuberei ohne Erkenntniswert.
Thomas Rothschild
Kevin Ayers: Songs For Insane Times. An Anthology 1969-1980. Harvest/EMI (Vertrieb: EMI).
Reinhören bei Amazon* Natürlich nicht beim Titel Magazin, siehe
hier (Anm. d. Red.)