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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:47

 

Franz Grillparzer: Die Jüdin von Toledo

23.10.2008


Schauspielkunst

Thomas Langhoff hat das Stück 1990 für die Salzburger Festspiele inszeniert und, wie man nun an Hand einer DVD überprüfen kann, einen atemberaubenden Theaterabend daraus gemacht.

 

Franz Grillparzer ist in Österreich Schullektüre. Das prägt für den Rest des Lebens – negativ. In Deutschland wird Grillparzer als verspäteter Klassik-Epigone abgetan und in der Regel geringgeschätzt. „Die Jüdin von Toledo“ wird auch in Österreich kaum gespielt. Thomas Langhoff hat das Stück 1990 für die Salzburger Festspiele inszeniert und, wie man nun an Hand einer DVD überprüfen kann, einen atemberaubenden Theaterabend daraus gemacht.

Langhoff geht nicht den billigen Weg, Aktualität durch heutige Kleidung suggerieren zu wollen. Die Aktualität liegt bei ihm in der Gestaltung heutiger Menschen, in der Präzision der Gesten und der Mimik. Und in Signalen, die gegen Ende einen zwingenden Bezug herstellen zum 20. Jahrhundert, in dem das Motiv des Antisemitismus gegenüber Grillparzers Gegenwart, wie man weiß, aber auch gegenüber dem Mittelalter, in dem der Stoff angesiedelt ist, an Brisanz gewonnen hat.
So sehr diese Aufführung also eine gegenwärtige ist, so wenig verzichtet Langhoff mit seinen Schauspielern auf eine Sprechweise, die Verse als Verse kenntlich macht. Die Schönheit dieser Verse, mögen sie auch schon zu Grillparzers Zeiten anachronistisch gewesen sein, wird gemeinhin verkannt. Hier kommt sie zum Klingen, wird Sprachmusik, die sich keinen Moment mit dem aktuellen Anspruch spießt, wie übrigens auch nicht die von Jürgen Rose entworfene stilisiert unterkühlte Bühne.

Freilich steht und fällt diese Aufführung mit dem grandiosen Ensemble, das Thomas Langhoff zur Verfügung stand. Die Unterscheidung von Regie- und Schauspielertheater wird hier bedeutungslos. Im Zentrum steht der viel zu früh verstorbene Ulrich Mühe als König Alphons VIII. von Kastilien. Wer ihn erst durch den Film „Das Leben der Anderen“ entdeckt hat, sollte diese DVD unbedingt ansehen, und Schauspielschüler können sich ein halbes Jahr Studium bei mittelmäßigen Ausbildern sparen, wenn sie wieder und wieder beobachten, was Ulrich Mühe da macht. Die Jüdin Rahel spielt Susanne Lothar, im wirklichen Leben Ulrich Mühes Frau, das Klischee der sinnlichen, aber gefährlichen „schönen Jüdin“ kritisch herbeizitierend und zugleich verkörpernd, ihre Schwester gibt Anne Bennent, die königliche Gegenspielerin ist Sibylle Canonica, und in größeren Rollen faszinieren neben ihnen Charles Brauer und Uwe Bohm. Besser lässt sich dieses Stück nicht besetzen.

Thomas Rothschild


Franz Grillparzer: Die Jüdin von Toledo. DVD. Arthaus Musik.

 

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