Dass Bertolt Brecht mit der Verfilmung seiner „Dreigroschenoper“ durch den bedeutenden Regisseur G. W. Pabst nicht einverstanden war, ist bekannt. Im Vorspann heißt es nun „Frei nach Brecht“. Am Drehbuch hat übrigens auch der Filmtheoretiker und Schriftsteller Béla Balázs mitgearbeitet, dessen 125. Geburtstag und dessen 60. Todestag im kommenden Jahr gefeiert wird. Uns Nachgeborenen kann der Streit zwischen Brecht und Pabst egal sein. Immerhin hat der Film gegenüber der Uraufführung auf der Bühne am Schiffbauerdamm den unschätzbaren Vorteil, dass er vorhanden ist. Von dieser kennen wir nur Schallplattenaufnahmen, Fotos und Beschreibungen. Aber über diesen pragmatischen Gesichtspunkt hinaus ist Pabsts Film ohne Zweifel ein Meisterwerk der Filmgeschichte, und was Brecht daran gestört hat, ist heute nur noch von philologischem Interesse.
Ein weiterer Aspekt macht diesen Film so wertvoll: In ihm begegnen wir einigen der großen Schauspieler des frühen Tonfilms und auch des Theaters der Weimarer Republik, einige davon aus der engeren Umgebung Brechts – Rudolf Forster in der Rolle des Mackie Messer, Carola Neher als Polly, Lotte Lenya als Jenny, Reinhold Schünzel als Tiger-Brown, Fritz Rasp als Peachum und Valeska Gert als seine Frau, Ernst Busch als Straßensänger, sowie, in kleineren Rollen, Paul Kemp und Hermann Thimig. Wer Theater- und Filmgeschichte auch als Geschichte von Schauspielerpersönlichkeiten und Schauspielstilen begreift, findet hier einen echten Schatz.
Die Edition mit zwei DVDs begnügt sich aber nicht mit dem Film allein (den gibt es bereits seit vier Jahren in der DVD-Reihe des British Film Institute). Sie präsentiert sich geradezu als ein didaktisches Paket. In den frühen Jahren des Tonfilms wurden oft mehrere Versionen in verschiedenen Sprachen gedreht, statt wie heute zu synchronisieren. So auch hier. Man kann also die deutsche mit der französischen Fassung vergleichen, in der unter anderem Albert Préjean und Antonin Artaud mitspielen. Außerdem bietet die Edition einen von den beiden einschlägig ausgewiesenen Filmhistorikern Wolfgang Gersch und Hans-Michael Bock gesprochenen begleitenden Kommentar zum Film an, Interviews mit Pabsts Sohn Michael und mit Fritz Rasp, Fotos, die Hans G. Casparius während der Dreharbeiten geknipst hat, sowie einen Vortrag zur Problematik von mehrsprachigen Filmvarianten.
Brecht selbst hat aus seinem erfolgreichsten Stück einen Roman gemacht. Ergänzt um Pabsts Film, der lange Zeit nur schwer zugänglich war, kann man nun also am Beispiel der „Dreigroschenoper“ vorbildlich demonstrieren, wie Gattungen und Medien einen Stoff verändern.
Thomas Rothschild
Georg Wilhelm Pabst: Die Dreigroschenoper. absolut MEDIEN.
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