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Prokofiev: The Symphonies

13.11.2008


Überdimensionale Begabung

Kitajenko dirigiert differenziert, akzentuiert die lebhaften Sätze mit ihren markanten dynamischen Unterschieden und lässt das Orchester in den lyrischen Sätzen „singen“, ohne die Konturen zu verwischen.

 

Die 1., die „klassische“ Symphonie, dieser virtuose, süffige Scherz, dieses Werk der Postmoderne avant la lettre ist in Konzertsälen und im Radio immer wieder zu hören, ab und zu auch die 5. Symphonie. Während sich aber auch im Repertoire allmählich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Schostakowitsch einer der bedeutendsten Symphoniker des 20. Jahrhunderts ist, der die Tradition von Beethoven, Schubert, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Bruckner, Brahms, Dvořák und Mahler würdig fortsetzt, wird der andere große Russe des vergangenen Jahrhunderts, Sergej Prokofjew, in englischer Transkription (also auch auf der vorliegenden 5-CD-Box) Prokofiev und nach der wissenschaftlichen Norm Prokof’ev geschrieben, sträflich vernachlässigt. Sieben Symphonien hat immerhin auch er komponiert, und sie liegen nun gesammelt, die 4. Symphonie sogar in der Fassung von 1930 und der wesentlich verlängerten und dramatisch aufgeladenen von 1947, 17 Jahre nach der Aufnahme des Scottish National Orchestra unter Neeme Järvi in einer neuen Aufnahme des Gürzenich-Orchesters unter Dmitrij Kitajenko vor. Kitajenko hat mit dem Orchester bereits die Symphonien von Schostakowitsch eingespielt und konkurriert mit der danach erschienenen, zu Recht bejubelten Kompilation von Aufnahmen unter Mariss Jansons und der vorausgegangenen unter Rudolf Barschai.

Kitajenko dirigiert differenziert, akzentuiert die lebhaften Sätze mit ihren markanten dynamischen Unterschieden und lässt das Orchester in den lyrischen Sätzen „singen“, ohne die Konturen zu verwischen. Die Zeitgenossenschaft mit dem nur acht Jahre älteren Strawinsky ist nicht zu überhören. Mit ihm teilt Prokofjew unter anderem ein entwickeltes Sensorium für Klangeffekte, die einem Orchester zu entlocken sind, und den spielerischen Umgang mit der Tradition. Die „Klassische Symphonie“ ist fast gleichzeitig entstanden wie „Pulcinella“. Bei dem faszinierend übermütigen zweiten Satz der 5. Symphonie von 1944 mag man auch an Gershwin denken. Die Reichhaltigkeit der musikalischen Einfälle fasziniert bei Prokofjew ebenso wie die Durchführung: Prokofjew war ein hochintelligenter Komponist, der sein Handwerk verstand. Bekanntlich musste auch er nach seiner Rückkehr aus dem längeren Exil in die Sowjetunion im Jahr der Schauprozesse 1936, wie Schostakowitsch, Kompromisse machen, der Forderung nach „Volkstümlichkeit“ nachkommen und Abstriche machen von avantgardistischen Experimenten, aber es spricht für seine überdimensionale Begabung, dass er, wie Schostakowitsch wiederum, auch unter unwürdigen Bedingungen großartige Kunst schuf. Er ist eben nicht nur der Komponist der auf ihre Art ebenfalls genialen Programmmusik „Peter und der Wolf“, von regelmäßig genutzten Balletten sowie bis heute unübertroffener Filmmusiken. Ein zufälliges Detail fügt der Biographie Prokofjews eine ironische Pointe hinzu: Er starb just am selben Tag wie Stalin.

Ein Skandal sind die deutschen Übersetzungen der Begleittexte. Wir versagen uns das grausame Vergnügen, dieses Kauderwelsch zu zitieren, mit dem verglichen noch die automatischen Übersetzungen von Computern an Shakespeare erinnern. Aber soll man sich über derlei Zumutung wundern, wenn auf der Box hinten und auf drei der fünf CD-Hüllen noch nicht einmal der Vorname des Dirigenten richtig gedruckt wird? Das bisschen Mühe einer Korrektur sollte man sich schon machen, wenn man solch ein verdienstvolles Projekt nicht entwerten möchte. Auch Musikliebhaber sind keine Analphabeten.

Thomas Rothschild


Prokofiev: The Symphonies. Phoenix Edition 5 CD-Set 135.

 

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