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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:47

 

Arthur Schnitzler: Der einsame Weg

20.11.2008

Meisterwerk

Wenn man Dramen nicht bloß als literarische Texte begreift, die man „kennt“, wenn man sie einmal gesehen oder gelesen hat, sondern als Vorlagen, die mit jeder Besetzung, mit jeder Regie eine neue Bedeutung erlangen, dann ist es ein Glücksfall, wenn man an Hand von DVDs verschiedene Inszenierungen eines Stücks vergleichen kann.

 

In den vergangenen Jahrzehnten gab es zwei Inszenierungen von Arthur Schnitzlers großem Drama „Der einsame Weg“, die beide zu den Höchstleistungen der Schauspielkunst gehören. Die eine verdanken wir Andrea Breth, die das Stück 1991 an der Berliner Schaubühne eingerichtet hat, die andere Thomas Langhoff. Seine Inszenierung für die Salzburger Festspiele aus dem Jahr 1987 liegt jetzt als DVD vor, und wer erfahren will, wie faszinierend Theater sein kann, sollte sie ansehen. Diese Aufzeichnung macht süchtig. Man sieht sie wieder und wieder, entdeckt immer neue Subtilitäten, und wer von diesem Text und von dieser Darstellung nicht zutiefst berührt ist, dem ist nicht zu helfen. „Der einsame Weg“ ist ein eminent österreichisches Stück, aber es bedarf, wie Langhoffs Inszenierung beweist, keiner gemütlichen Verwienerung, um seinen abgründigen Charme zu entwickeln. Mit diesem Drama und mit dem „Weiten Land“, auch mit „Professor Bernhardi“ hat sich Arthur Schnitzler unauslöschbar in die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts eingeschrieben, auch wenn das den meisten deutschen Dramaturgen leider unbekannt zu sein scheint.

Allein die Szene zwischen den beiden Egomanen Julian Fichtner und Stephan von Sala macht Langhoffs Inszenierung zu einem Erlebnis. Den Maler Fichtner verkörpert Heinz Bennent. Helmuth Lohner spielt den Schriftsteller von Sala, der vielleicht über weniger Charme als Julian, dafür aber über mehr Selbsterkenntnis verfügt, mit kalter Beherrschtheit, die äußerlich durch die Gewissheit des nahen Todes motiviert ist, während Bennent ganz auf Körpersprache und seine typische flapsige Handbewegung mit ausgestrecktem Kortnerschen Zeigefinger setzt, um eine salopp scheinjugendliche, motorisch nervöse Figur zu entwerfen.

Bennent verleiht seinem Julian, der ein Leben der Rücksichtslosigkeit und eines uneingeschränkten Anspruchs auf Selbstverwirklichung hinter sich hat und nun seinen bislang verleugneten Sohn an sich binden möchte, in der entscheidenden Aussprache im vierten Akt eine echte Verzweiflung, die körperlich spürbare Angst vor der Einsamkeit des Egozentrikers im Alter. Lohner hingegen lässt den nicht weniger einsamen Sala, der aber einsieht, dass diese Einsamkeit unvermeidlich und selbstverschuldet ist, rational, unsentimental argumentieren, lauter an manchen Stellen, um der Rede Nachdruck zu verleihen, dann aber in leiser Vernunft ausklingend. Dass der "ganze Unterschied" Salas zu Julian darin besteht, dass er "etwas weniger wehleidig" ist als dieser, wird im Zusammenspiel dieses hervorragenden Darstellerpaars erfahrbar. Der Julian Bennents lehnt sich gegen Schluss der Szene an den Rücken des physisch schwächeren, intellektuell aber stärkeren Sala Lohners: ein Doppelgänger, aber eben doch einer, der ohne Stütze nicht auskommt.

Heinz Bennent und Helmuth Lohner bilden das Zentrum dieser Aufführung, aber sie sind umgeben von einem unübertrefflichen Ensemble: Cornelia Froboess spielt die kokette Schauspielerin Irene Herms, deren Tragik schließlich ebenso still wie eindringlich hör- und sichtbar wird. Wer es nicht wusste, kann sich hier davon überzeugen, dass aus der „kleinen Conny“ von einst eine der größten Schauspielerinnen des deutschsprachigen Theaters geworden ist. Martin Schwab verkörpert den Arzt Doktor Reumann, der auf eine Grazer Professur verzichtet, weil er seine Karriere nicht dem Malheur eines Anderen verdanken möchte, und Elisabeth Orth ist in der kleinen, aber schönen Rolle der Gabriele zu sehen. Wolfgang Hübsch gibt ihren Mann, den „Kunstbeamten“ Professor Wegrat, seine Kinder werden von Anne Bennent und dem damals noch kaum bekannten Christoph Waltz gespielt.

Wenn man Dramen nicht bloß als literarische Texte begreift, die man „kennt“, wenn man sie einmal gesehen oder gelesen hat, sondern als Vorlagen, die mit jeder Besetzung, mit jeder Regie eine neue Bedeutung erlangen, dann ist es ein Glücksfall, wenn man an Hand von DVDs verschiedene Inszenierungen eines Stücks vergleichen kann. Das Wiener Theater der Josefstadt, das lange für seinen „Schnitzlerton“ bekannt war, veröffentlicht zurzeit nach und nach Aufzeichnungen von Aufführungen, die man zu einem guten Teil als „historisch“ einordnen kann. 1962 hat Heinrich Schnitzler, der Sohn Arthur Schnitzlers, den „Einsamen Weg“ an der Josefstadt inszeniert. Die DVD ermöglicht die Wiederbegegnung mit Leopold Rudolf, einem der ganz großen Wiener Schauspieler. Sein Sala ist weitaus verbindlicher, aber auch ironischer als der Helmuth Lohners. Was aber an Leopold Rudolf immer wieder fasziniert, ist seine Sprechmelodie, sein Singsang und seine Verzögerungen in der Rede. Man muss sein Gesicht gesehen haben, wenn ihm Felix – der junge Michael Heltau – mitteilt, dass sein Tod bevorsteht. Neben ihm ist es, außer Nicole Heesters als Johanna, vor allem Vilma Degischer, die den Atem anhalten lässt. Sie spielt die Irene Herms wienerischer, frecher, schneller als Cornelia Froboess, im entscheidenden Moment aber vermittelt auch sie die Tragik der Figur, und es liegt wohl am Betrachter, wessen Interpretation er vorzieht. (Bei Andrea Breth war es Tina Engel, die diese wunderbare Rolle nicht weniger eindrucksvoll verkörpert hat.)

Thomas Rothschild


Arthur Schnitzler: Der einsame Weg. Arthaus Musik.
Arthur Schnitzler: Der einsame Weg. Edition Josefstadt Theater/Hoanzl.

 

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