Dass Joe Zawinul einer der ganz großen Jazzmusiker aus Europa war, muss man niemandem mehr als Geheimnis verraten. Und dass der Wiener in den USA, der Heimat des Jazz, aufgenommen wurde, als wäre er dort aufgewachsen, ist nur ein weiterer Beleg für die Qualität seiner Kompositionen und seiner pianistischen Fähigkeiten. Er hat Jazzgeschichte geschrieben, und seine Band Weather Report zählt gewiss zu den besten Formationen, die es überhaupt je gegeben hat. Wenn der Begriff „Jazzrock“ Sinn haben soll, dann trifft er wohl auf die Musik Zawinuls zu wie auf keine andere. Er ist dem Funk treu geblieben, einer Musik, die den akzentuieren Rhythmus des Rock auch in großflächigen, harmonisch anspruchsvollen Themen und Improvisationen durchhält. Diese Musik hatte stets das Zeug in sich, die Snobs ebenso zu überzeugen wie das breite Publikum.
Joe Zawinul ist bekanntlich am 11. September des vergangenen Jahres gestorben. Und so wurde das Konzert, das er zu seinem 75. Geburtstag in Lugano gab, zu seinem Testament. Auf der Doppel-CD ist auch noch eine Aufnahme vom Festival im ungarischen Veszprem zu hören, zusammen mit dem langjährigen Partner Wayne Shorter: „In A Silent Way“. Und es bedarf nicht der äußerlichen tragischen Umstände, um zu dem Schluss zu kommen: diese Veröffentlichung gehört zu den aufregendsten, die Joe Zawinul je aufgenommen hat. Keine Spur des nahen Todes, kein Hauch von nachlassender Vitalität. Alles, was man an Zawinul schätzte, ist hier präsent. Die hervorragende Band, Zawinuls Syndicate, mag dafür verantwortlich sein, dass lateinamerikanische und afrikanische Elemente vorherrschen. Was Zawinul jedoch aus dem elektrischen Klavier und dem Synthesizer herausholt, sprengt alle Kategorien.
Thomas Rothschild
Joe Zawinul & The Zawinul Syndicate: 75th. 2 CD. BHM (Vertrieb: Zyx).
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