Immer wenn Thomas Bernhard wegen der Schmähreden seiner Dramen- und Romanfiguren, insbesondere gegen österreichische Verhältnisse, beschimpft, ja hasserfüllt verfolgt wurde, hat man zu Recht darauf hingewiesen, dass die erfundenen Protagonisten der Literatur nicht das Sprachrohr des Autors sind, dass ihre Ansichten Fiktion und nicht gleichzusetzen sind mit den Meinungen dessen, der sie erdichtet hat. Nun existieren aber zwei Fernsehfilme, in denen die damalige Kulturredakteurin des ORF Krista Fleischmann den gemeinhin eher interviewscheuen Österreicher auf Mallorca und in Madrid zu längeren Gesprächen verleiten konnte. Und was Thomas Bernhard da von sich gibt, kann schon für Irritation sorgen, selbst wenn man ins Kalkül zieht, dass er seine Befrager gerne foppte, sich dem Ritual des Interviews schelmisch zu entziehen versuchte. Denn was er da in gut anderthalb Stunden äußert, ähnelt stellenweise verblüffend den Suaden seiner Figuren.
In der Summe geben die Statements, wenn auch fragmentarisch, Auskunft über die Arbeitsweise und das Leben Bernhards, über seine Weltsicht und seine von ihm selbst bestrittene Misanthropie. Fast jeder Satz erhält durch seine apodiktische Formulierung einen aphoristischen Charakter. Und wie bei seinen Romanen und Theaterstücken, kann man, was er da sagt und wie er es sagt, ungemein komisch finden, wenn man dafür nur eine Ader hat. Thomas Bernhard selbst spricht das gleich zu Beginn an, aber wenn er ausgerechnet Schopenhauer und Kant als komische Philosophen einordnet, wird es wiederum viele geben, die sich ihre Pietät nicht rauben lassen wollen, und Pietät verdient im deutschen Sprachraum offenbar nur das Tiefsinnige, das nicht zum Lachen reizen darf.
Dass Krista Fleischmann diese Interviews, bei denen sie sich selbst völlig zurücknimmt, so vorbildlich gelungen sind, dürfte auch daran liegen, dass Bernhard ganz offenkundig Gefallen an ihr gefunden hat. Er scheint die ganze Zeit mit der unsichtbaren Stichwortgeberin zu flirten. Gelegentlich vergewissert er sich sogar durch eine Gegenfrage ihrer Zustimmung. So sind die zwei Filme, die jetzt auf einer DVD in einer neuen, von Suhrkamp zusammen mit absolut MEDIEN herausgegeben Reihe erneut zugänglich gemacht wurden (auf zwei VHS-Kassetten lagen sie bereits vor), nicht nur ein Muss für alle Thomas-Bernhard-Fans, sondern auch ein Schulbeispiel für die Kunst des Interviews auf dem Niveau, das Marcel Ophuels, Günter Gaus, Georg Stefan Troller, Hans-Dieter Grabe oder Alexander Kluge ein für alle Mal definiert haben. Zum Vergnügen tragen die Zitate aus Bernhards – wie ich meine: bestem Roman – „Auslöschung“, unübertrefflich gelesen von Bruno Ganz, bei, der Belehrung dient ein umfangreiches Beiheft.
Thomas Rothschild
Thomas Bernhard: Monologe auf Mallorca + Die Ursache bin ich selbst. filmedition suhrkamp/
absolut MEDIEN.