edition Burgtheater/Thomas Bernhard
01.01.2009
Theaterverewigung
Was immer man gegen die Burg einwenden mag: sie leistet sich tatsächlich die besten Schauspieler, die zurzeit im deutschsprachigen Raum um die Gunst der Zuschauer buhlen.
Endlich nehmen die Theater die Chance wahr, die ihnen die nicht mehr so neuen Medien bieten: für die Nachwelt zu bewahren, was bisher der Flüchtigkeit des Augenblicks zum Opfer fiel. Bei allen Einwänden, die man gegenüber Fernsehaufzeichnungen von Bühnenereignissen erheben mag – das kleine Format, die Zerstörung der Aura, die nur ein Hier und Jetzt lebendiger Menschen hervorbringen kann, die Torpedierung der Perspektive durch wechselnde Kameras und einen nicht immer einleuchtenden Schnitt, die Eliminierung der kollektiven Rezeption mit ihrer ansteckenden Wirkung, wie sie das Theater bietet –, ist der Gewinn solcher Aufzeichnungen, und sei es zu archivarischen Zwecken, größer als ihr Mangel.
Das Burgtheater in Wien sieht sich gerne als die beste Bühne im deutschsprachigen Raum, und Widerrede wird nicht geduldet. Nun sollte man die Kirche im Dorf lassen. Ohne Zweifel – Theater hat in Österreich, genauer: in Wien einen höheren Stellenwert als anderswo. Die Wiener lieben ihre Schauspieler, wie man sonst nur Fußballer und allenfalls Jörg Haider liebt, und was am Theater geschieht, ist Tagesgespräch auch bei jenen, die nie ins Theater gehen. Das ist erfreulich. Weniger erfreulich jedoch ist die Arroganz, mit der man in Österreich gelegentlich so tut, als gebe es jenseits der Landesgrenzen nichts, was sich damit vergleichen ließe.
Nun soll ja gar nicht geleugnet werden, dass es am Burgtheater und an anderen österreichischen Bühnen nach wie vor herausragende Aufführungen zu sehen gibt. Luc Bondys „König Lear“ wäre, um eine nicht allzu weit zurückliegende Inszenierung zu nennen, ein überzeugendes Beispiel. Nun aber offenbart sich Sonderbares: Am 20. November wurde im Ronacher Theater, jener Varietébühne, die dem Burgtheater nach dem Krieg bis zu seiner Wiedereröffnung als Asyl diente, zum neunten Mal der „Nestroy“ vergeben, ein eigens für Österreich geschaffener Theaterpreis. Nach bekanntem Modell gibt es da verschiedene Kategorien. Sie gelten, mit einer Ausnahme, für herausragende Leistungen an österreichischen Bühnen (Eigenproduktionen der großen Festspiele eingeschlossen). Für die beste Regie etwa waren heuer (der Schweizer) Stefan Bachmann für Wajdi Mouawads „Verbrennungen“, (die Deutsche) Christiane Pohle für Gert Jonkes „Freier Fall“ (beides Akademietheater, das Nebenhaus des Burgtheaters) und (der Deutsche) Nicolas Stemann für „Die Räuber“, eine Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Hamburger Thalia Theater nominiert. Im vergangenen Jahr waren es (der Schweizer) Luc Bondy für den erwähnten „König Lear“, (der Pole) Grzegorz Jarzyna für sein Medea-Projekt – beide Burgtheater – und (der Engländer) Simon McBurney für „A Disappearing Number“, gezeigt bei den Wiener Festwochen. Die Ausnahme aber, bei der die Österreich-Kondition dispensiert wurde, betrifft die beste Aufführung. Dieser eine überregionale Preis soll „dokumentieren, dass sich das österreichische und speziell das Wiener Theater als Teil der deutschsprachigen Theaterwelt versteht“. Und wie dokumentiert er es? Nominiert wurden „Das letzte Feuer“ von Dea Loher in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Thalia Theater, „Der Sturm“ in der Inszenierung von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen und Gerhart Hauptmanns „Ratten“ in der Inszenierung von Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin.
Pikanterie und Piefke 2007 waren es „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza in der Inszenierung von Jürgen Gosch am Schauspielhaus Zürich, „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horváth in der Inszenierung von Stephan Kimmig an den Münchner Kammerspielen und „Wallenstein“ von Friedrich Schiller in der Inszenierung von Peter Stein am Berliner Ensemble. Im Klartext: keine einzige österreichische Produktion, keine einzige Arbeit einer österreichischen Regisseurin oder eines österreichischen Regisseurs konnte sich nach Meinung der Jury in den vergangenen zwei Jahren mit diesen Inszenierungen aus Hamburg, München, Berlin und Zürich messen. Hat also die Jury versagt, oder rät sie mit ihrem Votum zu mehr patriotischer Bescheidenheit?
Eine Pikanterie am Rande: der Intendant am Schauspielhaus Zürich heißt Matthias Hartmann. Er wird der nächste Intendant des Burgtheaters. In Wien gab es für diese Entscheidung lautstarke Schmähungen. Man wollte lieber einen Österreicher an der Spitze des traditionsreichen Hauses sehen. Der Österreicher Klaus (alias Nikolaus) Bachler derweilen, zurzeit auf dem Sprung – oder soll man besser sagen: im Spagat – zwischen Burgtheater und Bayerischer Staatsoper, schimpft öffentlich und zu Recht, wenn auch spät, auf die österreichischen Verhältnisse und preist im Internet die DVD-Aufzeichnungen der Thomas-Bernhard-Inszenierungen von Claus Peymann an. Auch er ein einst geschmähter Piefke, der Chance wie „Schangse“ ausspricht!
Theaterglück
Womit wir wieder bei unserem Ausgangspunkt wären. Denn die erwähnten DVDs mit Peymanns legendären Bernhard-Inszenierungen bilden den zweiten Teil einer edition Burgtheater. Er ist mit fünf Stücken des inzwischen zur Kultfigur aufgestiegenen Schriftstellers zugleich ein Autorenprojekt. Der erste Teil der Edition, bestehend aus fünfzehn DVDs, ist hingegen uneinheitlich, um nicht zu sagen: ein kunterbuntes Gemisch. Da finden sich neben dem zuvor genannten „König Lear“ von Luc Bondy einige der aufregendsten Inszenierungen, die in den vergangenen Jahren zu sehen waren: Peter Zadeks „Rosmersholm“, „Emilia Galotti“ und „Don Carlos“ in der Regie von Andrea Breth, Martin Ku¨ejs inzwischen fortgesetzte Neuinterpretation von Karl Schönherr mit „Glaube und Heimat“ sowie seine (auch in der DVD-Edition der Salzburger Festspiele erhältliche) Inszenierung des österreichischen Nationaldramas „König Ottokars Glück und Ende“, Jan Bosses „Viel Lärm um nichts“, Nicolas Stemanns viel gepriesene Umsetzung von Elfriede Jelineks Text „Das Werk“. Wer diese Aufzeichnungen angesehen hat, kennt fast alle gegenwärtigen Stars des Burgtheaters – und was immer man gegen die Burg einwenden mag: sie leistet sich tatsächlich die besten Schauspieler, die zurzeit im deutschsprachigen Raum um die Gunst der Zuschauer buhlen. Da kann man sich an einem Abend unmittelbar hintereinander Gert Voss und Joachim Meyerhoff, Kirsten Dene und Christiane von Poelnitz, Ignaz Kirchner und Michael Maertens, Andrea Clausen und Birgit Minichmayr, Sven-Erich Bechtolf und Nicholas Ofczarek, Angela Winkler und Johanna Wokalek gönnen: gibt es größeres Theaterglück auf Erden?
Für die Brandauer-Fans ist da noch „Cyrano von Bergerac“, ein Stück, dessen melodramatischer Reiz lediglich übertroffen wird von der Titelrolle, die jeden Egomanen entzücken muss. Neben den wegweisenden Inszenierungen finden sich in der Kassette aber auch atypische Sonderveranstaltungen des Burgtheaters: Eine Aktion von Hermann Nitsch und ein Gastspiel der Toten Hosen. Schön und gut – aber ob die in diesem Kontext am besten aufgehoben sind? Offen gestanden: ich hätte lieber Peter Zadeks „Iwanow“, Karin Beiers „Kleinbürger“ oder „Das purpurne Muttermal“ von René Pollesch zum Abruf im Regal.
Thomas Rothschild
edition BURGTHEATER, 15 DVD, Hoanzl H-555; Thomas Bernhard, 5 DVD, Hoanzl H-576.
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