Man muss kein Wagnerianer sein, um vom Stuttgarter „Ring“, der 2002 seine Premiere erlebte und leider nicht mehr auf dem Spielplan steht, zu schwärmen. Er ist nicht zuletzt ein Triumph des Regietheaters. Der damalige Intendant der Stuttgarter Staatsoper Klaus Zehelein, der ein schlechterer Selbstdarsteller, aber gewiss kein schlechterer Ideenlieferant ist als der umtriebige Gérard Mortier, verzichtete darauf, die vier Abende wie aus einem Guss erscheinen zu lassen, und betraute damit stattdessen vier recht unterschiedliche Regisseure. Sogar die Besetzung der Rollen, die sich durch mehrere Teile des Zyklus ziehen, wechselte. Das Ergebnis war ein „Ring“, befreit von jeglicher Deutschtümelei und bereichert um Humor, der diesen Namen verdient. Nichts da von einem Weihespiel für Gläubige einer hochnäsigen Gemeinde. Und die Wagner-Fans aus Japan, die gruppenweise angeflogen kamen und den Vorstellungen im bayrischen Trachtenlook beiwohnten, trugen eher zur Belustigung bei als zum Kultcharakter.
Für „Das Rheingold“ wurde Joachim Schlömer gewonnen, dessen Herkunft vom Tanztheater nicht zu übersehen war und der seine Rheintöchter in einem Kurbad agieren ließ. Heiterer dürfte Wagner noch nie eröffnet worden sein. Düsterer geht es in der „Walküre“ von Christoph Nel zu. Dem schwächsten der vier Libretti kann auch er nicht einhauchen, was der stabreimende Komponist ihm vorenthalten hat. Für den Mangel an szenischer Spritzigkeit entschädigt jedoch die wunderbare Sängerin und begnadete Schauspielerin Angela Denoke als Sieglinde. Im „Siegfried“ von Jossi Wieler und Sergio Morabito, dem Duo, dem wir einige der intelligentesten Operninszenierungen der vergangenen Jahre verdanken, fällt allem voran Jon Fredric West als Siegfried auf. Mit seinem strähnigen Haar und dem T-Shirt über dem gut entwickelten Bauch ist er, schwitzend und wie toll herumhüpfend, mit Bedacht gegen das Klischee und die übliche Erwartung besetzt. Für das Bühnenbild zeichnet in „Siegfried“ Anna Viebrock verantwortlich, die gern mit diesem Team arbeitet, wenn sie nicht gerade von Christoph Marthaler beansprucht wird. Dass selbst bei solch einem rundum gelungenen Projekt noch eine Steigerung möglich ist, bewies Peter Kowitschny mit seiner „Götterdämmerung“. Mit ihrer Ballung von ebenso originellen wie einleuchtenden Einfällen, die niemals nur einem Effekt, sondern stets der Interpretation dienen, stellte dieser Abschluss zugleich den Höhepunkt des Zyklus dar.
Bleibt zu ergänzen, dass der mehrfach überregional ausgezeichnete Chor der Staatsoper Stuttgart und das Staatsorchester unter der Leitung von Lothar Zagrosek dem anspruchsvollen Unternehmen auch musikalisch mehr als gerecht wurden.
Thomas Rothschild
Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen. 7 DVD. EuroArts/SWR/arte EDITION.

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