Alexander von Schlippenbach: Piano Solo 77
22.01.2009
Gerechtigkeit für Schlippenbach
Schlippenbachs Improvisationen sind meist „agitato“, sie mögen sich zunächst willkürlich anhören, aber sie haben eine innere Logik, eine Entwicklung, die zwingend erscheint.
Es gibt keine Gerechtigkeit bei der Beurteilung der Künste. Gäbe es Gerechtigkeit, so wüsste jeder, dass Alexander von Schlippenbach zu den bedeutendsten deutschen Pianisten gehört. Aber er spielt Free Jazz, und Free Jazz ist eine Minderheitenmusik innerhalb der Minderheitenmusik Jazz. An dem, was den Free Jazz frei macht, nämlich der Verzicht auf ein überschaubares, gar nachsingbares Thema, kann es nicht liegen, sonst wäre der Erfolg von Keith Jarretts Improvisationen nicht zu erklären. Es ist die anhaltende Fixierung auf Tonalität, was Schlippenbachs Werk ins Abseits drängt.
Seine Soloaufnahmen, die FMP jetzt als CD neu aufgelegt hat, haben drei Jahrzehnte auf dem Buckel und wirken moderner als alles, was heute im Jazz produziert wird. Schlippenbachs Improvisationen sind meist „agitato“, sie mögen sich zunächst willkürlich anhören, aber sie haben eine innere Logik, eine Entwicklung, die zwingend erscheint. Die linke und die rechte Hand gehen, virtuos, oft ihre eigenen Wege, die doch in einer komplexen Relation zu einander stehen. Die Schönheit dieser Improvisationen erschließt sich, wenn man sich ihrer Bewegung anvertraut, ihrem vorwärtsdrängenden Impetus. Wohlklang ist für Schlippenbach, den man wie Keith Jarrett oder Glenn Gould mitsummen hört, anders als bei Jarrett, keine Kategorie.
Seine Musik nimmt innerhalb des Jazz eine Position ein, die jener von Webern, Berg oder Eisler innerhalb der sogenannten E-Musik vergleichbar ist. Sein Anschlag lässt das Klavier fast wie ein Perkussionsinstrument klingen (was zum Teil auch an der Technik liegen mag, die nach heutigen Standards als primitiv zu bezeichnen wäre). Gerade das trockene, in den lauten Passagen weitgehend pedalfreie Spiel freilich verleiht den Stücken einen besonderen, transparenten Charakter. Da wird nichts verwischt, nichts geglättet.
Thomas Rothschild
Alexander von Schlippenbach: Piano Solo ´77. FMP (Vertrieb: CODAEX)