Arthur Schnitzler: Das Wort
29.01.2009
Der Josefstadt-Stil
Ein Fresko der Jahrhundertwende von 1900, der sogenannten Décadence Wiener Prägung, wie man es kaum in einem anderen Drama finden wird.
Achtunddreißig Jahre nach Arthur Schnitzlers Tod wurde ein Stück des österreichischen Erzählers und Dramatikers, das unvollendet geblieben war, am Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Nun kann man sich die Inszenierung aus dem Jahr 1969 innerhalb der Edition mit vierzig Aufführungen dieses Wiener Theaters auf DVD ansehen. Mag sein, dass „Das Wort“ nicht das Niveau von Schnitzlers besten Dramen erreicht. Aber auch in diesem Konversationsstück beweist er eine Meisterschaft in der Konstruktion von Dialogen, wie sie kaum ein zweiter deutschsprachiger Dramatiker des 20. Jahrhunderts erlangt hat. Und wer genau hinhört, wird die zahlreichen Zwischentöne entdecken, die feinen Nuancen, die sich hinter Pointen und Plaudereien verbergen.
„Das Wort“ ist ein Schlüsselstück, in dessen Figuren unschwer die Bohème um Peter Altenberg und Lina Loos zu erkennen ist. Für den Vorfall, um den es im Zentrum des Stücks geht, einen Selbstmord aus unglücklicher Liebe, gibt es ein reales Vorbild. Die Bedeutung dieser Inszenierung aber liegt eher in den Szenen, die im öffentlichen Raum – im Kaffeehaus und bei einem Hausball – angesiedelt sind und eine Vielzahl von Typen auf die Bühne bringen. Sie liefern ein Fresko der Jahrhundertwende von 1900, der sogenannten Décadence Wiener Prägung, wie man es kaum in einem anderen Drama finden wird. Zugleich ist die Aufzeichnung ein Dokument des Josefstädter Stils, der mittlerweile ausgestorben ist, Museum also, aber von welch faszinierender Präsenz.
Damals...
Da sind die Stars des Nachkriegstheaters versammelt, Leopold Rudolf in der Altenberg-Rolle des Anastasius Treuenhof, Guido Wieland, damals wegen seiner unverwechselbaren Sprechweise einer der beliebtesten Hörspielprotagonisten, als der Dramatiker Gleißner, der immer groteske Kurt Sowinetz als Kritiker Rapp, der aus zahlreichen (meist katastrophal schlechten) Filmen bekannte Hans Holt als soignierter Hofrat Winkler und Vilma Degischer in der kleinen Rolle seiner Schwester, der Josefstadt-Doyen Kurt Heintel als Van Zack, Schnitzlers Abbild von Adolf Loos, und in einer Episode komisch und ergreifend zugleich der wunderbare Ernst Waldbrunn. Lediglich der damals gerade sechsundzwanzigjährige Klaus Maria Brandauer fällt stilistisch aus dem Ensemble heraus. Erst gegen Schluss, als ihm seine Situation jenseits von Lüge und Verstellung bewusst wird, findet auch er zu jener nonchalanten Zurückhaltung, die ein typisches Merkmal des Josefstadt-Stils – im Kontrast zum damals noch lebendigen Pathos an der Burg – war.
...und heute
P.S.: Wenn ich mir was wünschen dürfte für die Josefstadt-Edition, dann wäre es der „Professor Bernhardi“ mit Leopold Rudolf in der Titelrolle. Er fordert heraus zum Vergleich mit Ernst Deutsch, mit Norbert Kappen oder auch mit Michael Degen, den man in der Edition in dieser Rolle bereits begutachten kann.
P.P.S.: Auf der Hülle einer anderen DVD der Edition ist eine zeitgenössische Kritik zu einer Nestroy-Inszenierung von 1962 abgedruckt. Darin gipfelt eine Hymne auf Karl Paryla im Satz: „Paryla ist glänzend, und so lange er mich nicht zwingt, der Kommunistischen Partei beizutreten, kann mir seine politische Vergangenheit gestohlen bleiben.“ Ich kann mich nicht erinnern, eine vergleichbare Sottise an die Adresse jener Schauspieler gelesen zu haben, deren politische Vergangenheit in der NSDAP lag – und davon gab es, auch an der Josefstadt, nicht wenige. Die hatten nach 1945 am eben erst arisierten Theater brav weitergespielt, während Paryla ein Jahrzehnt später nach der Schließung des Neuen Theaters in der Scala zum zweiten Mal das Land verlassen musste, wenn er seinem Beruf nachgehen wollte. So ist das eben in Österreich. So war es 1938, so war es 1962, und so ist es heute noch.
P.P.P.S: Der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ verriet der populäre Volksschauspieler Fritz Muliar, der sich von Claus Peymann beleidigt fühlt und eine öffentliche Entschuldigung fordert: „Ich war in der NS-Zeit neun Monate in Einzelhaft, bin von Todeszelle zu Todeszelle geschleppt worden. Ich mag halt nicht so sehr die Deutschen.“ Muliar macht indirekt den Deutschen Peymann, Jahrgang 1937, für die Verbrechen der NS-Zeit verantwortlich. Österreichern wie etwa dem Josefstadt-Kollegen Eric Frey hat Muliar die tatsächlich Mitgliedschaft in der NSDAP verziehen. Es gibt einen österreichischen Patriotismus, hinter dem sich purer Chauvinismus verbirgt. Er hat mehr mit Opportunismus zu tun als mit Gesinnung. Aber er kommt an.
Thomas Rothschild
Arthur Schnitzler: Das Wort. Edition Josefstadt Theater 28. Hoanzl.
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