Dies ist keine Rezension. Vor einem Werk dieser Größe muss die Kritik kapitulieren. Was immer man darüber sagen kann, bleibt weit hinter dem Gegenstand zurück, ist ihm nicht gewachsen. Alexander Kluge hat mit seinen „Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“ den deutschen Film der vergangenen dreißig Jahre beschämt. Verglichen mit diesem Geniestreich erscheinen all die kleinen Geschichten aus dem angeblich wirklichen Leben fad und belanglos.
Das Wort „Fachidiot“ ist aus der Mode gekommen. Was es bezeichnet, hat sich rasant ausgebreitet, seit es erfunden wurde. Alexander Kluge repräsentiert noch den selten gewordenen Typus des rundum gebildeten Menschen, genauer: des Bildungsbürgers, der seine Fähigkeiten in den Dienst derer stellt, die von der Bildung und von der politischen Macht ausgeschlossen sind. Das hat etwas Einschüchterndes, aber niemals stellt es sich aus, niemals entdeckt man bei Kluge auch nur die Spur eines Imponiergehabes. Vielmehr empfindet man in jedem Augenblick seine spielerische Freude an assoziativen Einfällen, an der Entdeckung von unerwarteten Zusammenhängen. Das alles freilich prädestinierte ihn noch nicht zum Filmemacher. Was die vorliegende DVD so aufregend macht, ist der Erfindungsreichtum, mit dem Kluge für all seine Ideen die jeweils richtigen, man möchte fast sagen: die einzig richtigen gesprochenen, geschriebenen, visuellen Darstellungsmittel aufspürt. Das gelingt Kluge so einzigartig, weil ihm die abstraktesten Gedanken zu verbalen Bildern, zu Metaphern („die Metapher als die höchste Form der Erkenntnis“) gerinnen, noch ehe er ihr Äquivalent auf der Fläche, ins gemalte, fotografische oder filmische Bild umsetzt – in einem Gespräch mit Oskar Negt reflektiert er das auch.
Wahrscheinlich liegt das daran, dass in der Person von Alexander Kluge wie in keinem anderen ein genialer Schriftsteller und ein genialer Filmemacher zusammentreffen. Die langen Interviews, die verpönten „Talking Heads“ bedürfen bei ihm keiner Illustration, wo Kluges Gesprächspartner – allen voran Dietmar Dath – seinen Metaphern folgen können, sie aufnehmen und komplementierend ergänzen. (Manchmal, etwa im Dialog mit Peter Sloterdijk, würde man sich wünschen, dass Kluge seinem Gegenüber mehr Zeit lässt, ehe er es unterbricht.) Dabei reizen Alexander Kluges Thesen durchaus bisweilen zum Widerspruch – etwa wenn er, darin auch als Aufklärer einem romantischen Denken verpflichtet, ausschließlich für die Liebe in Anspruch nimmt, was auch für den Chorgesang, den Mannschaftssport oder die lustvolle unentfremdete kollektive Arbeit gilt –, aber das ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke seiner Arbeiten.
Prinzip der Montage
Was dieser Film auch demonstriert, ist die Macht des Redegestus. Einige Gesprächspartner wirken glaubwürdiger, überzeugender als andere, nicht so sehr auf Grund ihrer Argumente, sondern wegen ihrer Sprechpose. Das Fehlen oder das Vorhandensein von Nachdenklichkeit, von Eifer, von Dogmatismus, von vorgefertigten Partikeln vermittelt sich über die Körperhaltung, die Mimik, den Atemdruck, die Sprechgeschwindigkeit, die Artikulation, die Fähigkeit zur Konzentration und zum Zuhören und bestimmt maßgeblich die Reaktion des Zuschauers.
Das Prinzip der Montage, das vor nunmehr fast hundert Jahren die Avantgarde im Allgemeinen und Sergej Eisenstein, der für Kluges Film den roten Faden liefert, im Besonderen ausgezeichnet hat, erreicht bei Alexander Kluge einen neuen Gipfel. Wie armselig wirkt dagegen die lineare Erzählweise, zu der die meisten Spielfilme unserer Tage zurückgekehrt sind. Kluge erinnert daran, welchen Weg der Film hätte einschlagen können, wenn nicht Hollywood seine Regeln diktiert hätte. Und auch der Mainstream des Fernsehens, das „Literarische Quartett“ und erst recht „Lesen!“ seligen Gedenkens eingeschlossen, wird durch Kluge, der durch eine sonderbare Konstruktion eine Nische in dem Medium besetzen konnte, implizit weitaus unerbittlicher bloßgestellt als durch die unartikulierte Beschimpfung Reich-Ranickis.
Schwer zu entziffernder Humor
Es gibt auf dieser DVD-Produktion ein Bild von trauriger Symbolik: die zerschlagene Platte des Grabs von Karl Marx auf dem Highgate Friedhof in London. Alexander Kluges Film ist ein einziger gewaltiger Versuch, diese Symbolik zu widerlegen. 1929, als Sergej Eisenstein die niemals realisierte Verfilmung des „Kapitals“ plante, war auch das Jahr des „Schwarzen Freitags“, des „Jüngsten Gerichts über die Wirtschaft“ (Peter Sloterdijk). Alexander Kluge konnte, als er diesen Film machte, nicht ahnen, wie schnell sein Thema an erschreckender Aktualität gewinnen würde.
Wäre dies eine Rezension, müsste hier von Alexander Kluges schwer zu entzifferndem Humor die Rede sein und vom abschließenden, immerhin 34 Minuten langen Kapitel mit Helge Schneider, an dem Kluge offenbar, wie es treffend heißt, einen Narren gefressen hat. So beschränkt sich der Tipp-Geber, auf die Gefahr hin, selbst als humorlos zu gelten, auf das Geständnis, dass ihm Nono und Eisenstein im gegebenen Zusammenhang mehr zu sagen haben als Helge Schneider in diversen Verkleidungen und als kalauernder Filmkomponist, auch der scharfsinnige Schalk Hans Magnus Enzensberger, der, wohl verführt von Kluges suggestiven Fragen, erstaunlicherweise dorthin zurückkehrt, wo er vor mancherlei politischen Abwegen einst seine Bewunderer fand, ergötzt ihn mehr.
Sozialistische Utopie
Ein einziger, allerdings gravierender Einwand ist dennoch nötig. Eins seiner Gespräche führt Kluge mit einer Übersetzerin, deren Name hier gnädig verschwiegen sei. Er lässt sie ein paar Passagen vom Deutschen ins Russische übersetzen, und man kann nur hoffen, dass kein Russe ohne Deutschkenntnisse auf diese Übersetzungen angewiesen ist. Sie sind eine Zumutung. Statt sich auf die gewiss nicht einfache Fachsprache des Originals einzulassen, liefert die Übersetzerin in einer Alltagssprache ihre eigenen Interpretationen, fügt sie Erläuterungen und belehrende Mahnungen hinzu, die töricht sind. Da sie offenbar King Kong nicht kennt, dichtet sie sich über Sätze hinweg ihre eigene Geschichte zusammen. Sie weiß aber offenbar auch nicht, was die fünf Sinne sind, dass es für „Wesen“ und „Seele“ auch im Russischen zwei Wörter gibt und nicht, wie sie Kluge auf Nachfrage bestätigt, bloß eins, und sie merkt nicht, dass ihr Gegenüber „Schiffshaut“ versteht, wo sie undeutlich „Stiefelleder“ meint. In diesem unerquicklichen Geplauder registriert der sonst so wache Kluge nicht einmal, dass die Redensart „Das letzte Hemd verschenken“ keineswegs nur im Russischen vorkommt. Und so geht es weiter, ein Schnitzer folgt dem anderen. Gerade weil die mühevolle Arbeit von Übersetzern gemeinhin unterbewertet wird, muss gegen solche Stümperei Protest angemeldet werden. Sie bekümmert umso mehr, als sie in der Nachbarschaft origineller und intelligenter Aussagen von Zeitgenossen, denen man beim Denken gerne und ohne nachlassende Spannung zuschaut, noch mehr auffällt als am Biertisch. Wenn Alexander Kluge aber eine verschmitzte Pointe beabsichtigt hat, die versinnbildlichen sollte, wie schlampig Lenin den Marxismus mit der Revolution ins Russische „übersetzt“ hat, dann bleibt sie all jenen verborgen, die die Sprache nicht verstehen.
Ganz nebenbei, und weil Geld und Ware im Zentrum von Kluges Film stehen: drei DVDs und insgesamt neuneinhalb Stunden, die man mehrfach wiederholen muss, um ihren Gehalt auch nur annähernd auszuschöpfen, für 29,90 Euro sind fast geschenkt. Ein Stück sozialistischer Utopie, wenn man so will.