Es gibt sie wie Sand am Meer, die Mäderln mit dem Augenaufschlag, deren Talent mit dem Selbstbewusstsein nicht Schritt halten kann, die sich Diseusen nennen oder Chansonnière, ein Wort, das im Französischen für Sängerinnen ebenso wenig existiert wie Handy in der Bedeutung von Mobiltelefon im Englischen. In Wahrheit sind es nicht mehr als eine Handvoll, die in Deutschland als Diseuse oder Chanteuse gelten dürfen, und Barbara Thalheim ist die erste unter ihnen. Sie bringt tatsächlich Text, Musik und nicht zuletzt den Vortrag auf jenen gemeinsamen Nenner, der mit Fug und Recht „Chanson“ heißt und sich vom deutschen Lied ebenso unterscheidet wie vom angloamerikanischen Song. Juliette Grécos Definition, wonach ein Chanson ein Gemälde des Lebens in drei Minuten ist, nimmt Barbara Thalheim ernst (es darf auch mal vier Minuten dauern).
Diesmal hat sich Barbara Thalheim ganz dem französischen Chanson verschrieben. Sie nennt sie schnoddrig „Chanxons“, aber sie entpuppen sich ganz und gar als Chansons, die nasal gesprochen werden dürfen: französisch eben. Es sind nicht die bekannten Exemplare, nicht die – auch auf deutsch – x-Mal interpretierten Hits des Genres, sondern Entdeckungen, deren Texte die Sängerin größtenteils selbst und recht frei ins Deutsche übertragen hat. Und wenn sie sich im kindlich-religiösen Staunen über „Lauter Wunder“ zu verlieren droht, fängt sie das, diesmal von Michael Wüstefeld übersetzt, mit einer erfrischenden Beschimpfung von „dämlichen Conférenciers, degenerierten Blablas“ und „mondäner Schwachsinnigkeit“ auf. Das berührendste Chanson wird im Duett gesungen, „Ein vergessener Brief“ von Juliette Noureddine. Das letzte Wort gehört der Musik. Textlos klingt sie auf einer Spieluhr aus: eine Geste der Bescheidenheit und ein Bekenntnis zu den leisen Tönen.
Barbara Thalheim hat von Anfang an mit unorthodoxen Instrumentierungen und Arrangements experimentiert. Die „Begleitung“ war für sie niemals Nebensache, niemals Hintergrund für den eigenen Auftritt. In dem Akkordeonisten Jean Pacalet hat sie nun schon seit Jahren einen kongenialen Musiker gefunden. Sein Spiel ist virtuos, aber uneitel. Es ergänzt Barbara Thalheims Gesang, statt mit ihm zu konkurrieren. Diesmal kommen noch Rüdiger Krause an der Gitarre, Bartek Mlejnek am Kontrabass und Topo Gioia an der Percussion hinzu – eine Combo, die wiederum dem Geist des Chansons in unübertrefflicher Weise gerecht wird. Und wenn demnächst im Kleintheater um die Ecke eine Kokette vorgibt, eine Diseuse (oder eine Chansonnière) zu sein, sollte man zuvor diese CD hören, um zu wissen, was Sache ist.