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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:51

David Oïstrakh, Artiste du Peuple?

05.03.2009

Der König der Geiger

Wenn es so etwas wie ein besonderes jüdisches Talent gibt, so liegt es nicht in den Genen. Es ist ein Produkt der Diaspora. Wer bietet eine plausiblere Erklärung an?

 

Als ich, zwanzigjährig, ein Studienjahr in Moskau verbrachte, wohnte im Studentenheim, dem überdimensionierten Zuckerbäckerbau der Moskauer Staatlichen Universität auf den Leninbergen, am Ende des Flurs ein ägyptischer Student namens Said. Er war Violinist, Schüler von David Oistrach. Im Pyjama wandelte er stets vor der Tür zu seinem Zimmer auf und ab und spielte Bach. Wie die jungen Frauen an der diensthabenden Aufpasserin vorbei in unseren „männlichen Block“ kamen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls strömten sie alle zum von mir darob beneideten Said. Er lockte sie mit seinen Geigenklängen an wie der Rattenfänger von Hameln Ratten und Kinder mit seiner Flöte. Was man bei Oistrach so alles lernen kann, dachte ich wehmütig, in die Texte von Puschkin und Lermontow vertieft.

Es ist müßig, darüber zu streiten, ob der 1875 geborene Fritz Kreisler oder David Oistrach, Yehudi Menuhin, Jascha Heifetz, Nathan Milstein oder Isaac Stern der größte Violinist des 20. Jahrhunderts war. Oistrach war auf alle Fälle einer davon. Davon kann man sich durch den vorbildlichen Film von Bruno Monsaingeon aus dem Jahr 1994 überzeugen lassen, der jetzt als DVD vorliegt. Das visuell wie akustisch faszinierende Archivmaterial wird verbunden durch Aussagen, allen voran jene des ungemein sympathischen, bescheidenen Yehudi Menuhin (das unübersetzbare englische Wort „humble“ wäre hier angebracht), die über ein Porträt des großen Musikers hinaus ein Bild der schweren Zeit entwerfen, in der er seine Kunst entfaltet hat. Es wird deutlich, welche Kompromisse die Loyalität gegenüber einem repressiven Regime abverlangten, dem Oistrach immerhin, wie er selbst zu Menuhin sagte, die Möglichkeit verdankte, zu werden, was er wurde. Rostropowitsch erzählt eine Geschichte, die einem den Atem verschlägt – wie Oistrach ihm erklärt, warum er die in der „Prawda“ veröffentlichte Verurteilung des wegen seiner Courage bewunderten Cellisten unterschrieben habe: weil ihm die Angst vor der Verhaftung, der er 1937 nur knapp entgangen war, in den Knochen steckte.

Schikane und Krokodilstränen

Nebenbei: alle oben genannten Geiger hatten jüdische Vorfahren. Drei sind in der Ukraine geboren (Oistrach und der vier Jahre ältere Milstein in Odessa, wo zwischen 1821 und 1905 einige der schlimmsten Pogrome stattfanden), einer im damals zu Russland gehörenden Litauen. Israel hat keinen vergleichbaren Violinisten hervorgebracht. So makaber der Gedanke ist: vielleicht bedarf es der Verfolgung und der Diskriminierung, kurz – des Widerstands, um große Kunst zu provozieren. Wenn es so etwas wie ein besonderes jüdisches Talent gibt, so liegt es nicht in den Genen. Es ist ein Produkt der Diaspora. Wer bietet eine plausiblere Erklärung an?

Dies aber den neuerdings wieder lautstarken Verfechtern der Totalitarismustheorie ins Stammbuch: David Oistrach wurde schikaniert, wie andere, nicht-jüdische sowjetische Künstler seiner Generation auch. Immerhin durfte er zugleich seinen Beruf ausüben, war privilegiert und hoch geehrt und durfte auch, wenngleich mit Beschränkungen, ins Ausland reisen. In Deutschland wurden Juden zur gleichen Zeit umgebracht. Man hat den Österreicher Fritz Kreisler, den getauften Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, wie seine jüdischen Kollegen auch nach 1945 nicht in seine Heimat zurückgeholt. Stattdessen hat man die Rückkehrwilligen, wie etwa Hanns Eisler, sogleich wieder verjagt und stattdessen Wilhelm Furtwängler, Karl Böhm, Herbert von Karajan oder Elisabeth Schwarzkopf, zumal bei den Salzburger Festspielen, hofiert, große Künstler, zweifellos, aber allesamt, vorsichtig ausgedrückt, auch Nutznießer der nationalsozialistischen Kulturpolitik.

Heute, mehr als sechzig Jahre danach, werden allenthalben auf Tagungen, in Ausstellungen und Büchern Krokodilstränen geweint über die verjagten und ermordeten jüdischen Künstler und Wissenschaftler. Wo bleibt die Liste jener Kollegen, die sich für die Rückkehr der überlebenden Vertriebenen eingesetzt, ihnen möglicherweise sogar die zuvor durch die „Arisierung“ vakant gewordenen und von ihnen beschlagnahmten Plätze angeboten hätten? Das Lamento über die Vernichtung des jüdischen Anteils an der deutschen oder der österreichischen Kultur ist billig, wenn und solange nichts dazu getan wird, sie soweit möglich rückgängig zu machen. Die Täter und ihre Nutznießer geben vor, die Opfer zu beklagen, und beanspruchen weiterhin die Beute. Diese Heuchelei, immerhin, kann man den Russen nicht vorwerfen.

 

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