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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:51

Thomas Bernhard/Siegfried Unseld: Briefwechsel

19.03.2009

Der Autor und sein Verleger

Sie umschmeicheln sich und drohen, machen einander Komplimente und kämpfen um jeden Zentimeter Boden.

 

Wenn Sie den Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld als Hörbuch aufnehmen wollten und ihnen dafür die Schauspieler Gert Voss und Peter Simonischek zur Verfügung stünden: wem würden sie welche Rolle zuteilen? Die Antwort scheint vorgegeben. Gert Voss, der in zahlreichen Bernhard-Stücken aufgetreten ist, der bekanntlich sogar von ihm als Bühnenfigur zusammen mit Kirsten Dene und Ilse Ritter verewigt wurde, müsste Bernhard lesen, der aktuelle Jedermann – und das wäre nicht ohne Ironie – den Suhrkamp-Boss. Dass Thomas Bernhard in den Schauspieler Voss vernarrt war, ist ja keine Marotte. Der raunzende, gequälte Ton, den er wie kein anderer beherrscht, lässt ihn Bernhardscher erscheinen als Bernhard selbst. So massiv konnten die Briefe des stets unzufriedenen Eigenbrötlers gar nicht auf Unseld eindringen wie es die Sprechweise von Gert Voss täte. Gert Voss ist die superlativische Übertreibung der Person Bernhard. Voss als Bernhard: das wäre ein Genuss für sich – über den Briefwechsel hinaus, den man ja ansonsten für sich, leise lesen könnte.

Die laut CD-Hülle für die Besetzung zuständige Gudrun Eggert und der Regisseur Götz Fritsch haben jedoch anders entschieden. Vielleicht wegen der österreichischen Sprachfärbung Simonischeks und der (nord)deutschen von Gert Voss (obgleich Unseld aus Ulm stammte und mit einem unüberhörbaren schwäbischen Einschlag sprach). Und zumindest sprechkünstlerisch spielt denn Unseld Bernhard nun an die Wand. Simonischek trifft Bernhards zornigen Ton, nicht aber seine clownesken Züge.

Übertreibungen, Verabsolutierungen, Beschimpfungen...

In diesem sich über Jahre hinziehenden Briefwechsel treffen zwei Füchse aufeinander. Sie umschmeicheln sich und drohen, machen einander Komplimente und kämpfen um jeden Zentimeter Boden. Keiner von beiden verliert seine Interessen jemals aus dem Auge, wenn Unseld das auch geschickter camoufliert als der Ohlsdorfer Dichter. Wie schamlos der Verleger taktiert, erkennt man etwa daran, dass er einmal den September, dann das Frühjahr, dann wieder den Spätsommer als den absolut besten Erscheinungstermin für einen neuen Roman anpreist. Auch erfahren wir aus dem Briefwechsel, dass selbst ein literarisch so versierter Leser wie Unseld Einwände gegen grammatisch unkorrekte Superlative, gegen eine rhetorische Befürwortung der Todesstrafe oder gegen die nachweislich zutreffende Äußerung, dass der (damalige) Bundespräsident lüge, – in einem literarischen Werk, wohlgemerkt – erhebt und dass er sich damit brüstet, die Erteilung des Büchnerpreises an Bernhard maßgeblich erwirkt zu haben, was ein schiefes Licht auf die Unabhängigkeit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wirft. Das Kalkül eines Geschäftsmanns, der nicht am Hungertuch nagt, wird in diesem Briefwechsel deutlich, freilich auch die Figur eines Verlegers, der noch ein Verhältnis zu seinen Autoren pflegte, das man heute vergeblich sucht. Immerhin erweist sich Unseld, zumal in seinen Notizen nach Zusammentreffen mit Bernhard, als hervorragender Menschenkenner, und was er über die Empfindlichkeiten und Neurosen des Autors, den er offensichtlich schätzt und dessen Bedeutung er von Anfang an erfasst, niederschreibt, dürfte ein zutreffendes Bild dieser schwierigen Persönlichkeit entwerfen.

Aufschlussreich sind Thomas Bernhards Briefe auch unter einem anderen Gesichtspunkt: Aus ihrer Sprache lässt sich vergleichend ergründen, was in den literarischen Werken stilisiert, also kunstvoll „gemacht“, und was daran sozusagen Bernhards auch im privaten Verkehr, in der funktionalen Rede gebrauchter „Personalstil“ ist. Es zeigt sich, dass Bernhard in seiner Korrespondenz mit Unseld durchaus auf charakteristische Kennzeichen seiner Romane und Dramen nicht ganz verzichtet, etwa auf Übertreibungen, Verabsolutierungen, Beschimpfungen, dass sich seine Syntax hier aber doch erheblich unterscheidet. Die typischen Bandwurmsätze weichen sehr viel kürzeren, ja auch sehr kurzen Sätzen und einer Gliederung, die nicht auffällig erscheint.

Der Briefwechsel erinnert an Details, die zu Spekulationen Anlass geben. So sollte ursprünglich nicht Bernhard Minetti, sondern Leopold Rudolf, Otto Schenk oder Bruno Dallansky – allesamt jünger als Minetti – die Hauptrolle bei der Uraufführung der „Macht der Gewohnheit“ in Salzburg übernehmen. Reizvoll, sich vorzustellen, wie die Inszenierung mit diesen doch sehr verschiedenen Schauspielern ausgesehen hätte und wie sich das, wer weiß, auf die weitere Entwicklung einer Bernhard-Tradition ausgewirkt hätte. Eine besondere Pointe: Gert Voss liest Unselds begeisterten Bericht von der Premiere des Stücks „Ritter, Dene, Voss“.

Die in rund vier Stunden auf drei CDs vorgetragene Briefauswahl ist gegenüber der Buchausgabe gekürzt.

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