Nachdem die durchaus interessanten und beglückenden Versuche von Harnoncourt, Gardiner, Norrington oder der Hanover Band, den Originalklang von Beethovens Symphonien zu rekonstruieren, die Musikwelt aufgerüttelt und bei Fans Kultstatus erlangt haben, kann man nunmehr eine behutsame Rückkehr zum satten Klang des großen Orchesters, zu den modernen Hörgewohnheiten beobachten. Auch der Konzert- und Plattenbetrieb ist eben Moden unterworfen, und die verlangen nach stets Neuem. Wenn das nicht zu haben ist, propagiert man eine Rückbesinnung, und so spielt sich die „Entwicklung“ in den Künsten eher als Kreis- oder Spiralbewegung ab denn als Voranschreiten.
Wenn ein Meister wie Claudio Abbado freilich in den Jahren 2000 und 2001, in zeitlicher Nähe zu den Aufnahmen der genannten Dirigenten, alle Symphonien Beethovens bei einer Serie von Konzerten mit den Berliner Philharmonikern in Rom und Berlin (die Neunte) aufzeichnet, kann man davon ausgehen, dass er nicht einfach wieder dort ansetzt, wo Karajan aufgehört hat. Die Erfahrungen der historisierenden Kollegen hat auch Abbado zur Kenntnis genommen. Er hat für die vorliegende Interpretation die Streichergruppe – bei den einzelnen Symphonien in unterschiedlichem Maß – verkleinert und die Philharmoniker so einem Kammerorchester und der Besetzung von Orchestern zu Beethovens Zeit angenähert. Abbado, der auswendig dirigiert, reizt die Extreme nicht aus. Wie subtil er mit dynamischen Differenzierungen umgeht, macht der zweite Satz der achten Symphonie und der dritte Satz der fünften Symphonie exemplarisch deutlich, die er durch äußerste Zurücknahme in den leisen Partien bei gleichzeitiger Steigerung des Tempos mit ungeheurer Spannung auflädt. Es hat seine Logik, wenn am Ende die 7. Symphonie steht, deren triumphalen vierten Satz Abbado dirigiert, als wäre er das „Finale to end all Finales“.
Musik als Form der Liebe
Die Möglichkeiten des Mediums nutzend, kann man bei der 3., der 5., der 6. und der 7. Symphonie wählen zwischen einer Kameraperspektive, die einzelne Instrumente und Instrumentengruppen herausgreift und so die Partitur transparent macht, indem man verstärkt hört, was man sieht – insbesondere die Fugati, die Beethoven liebt, bieten sich einer visuellen Umsetzung an (die intelligente Bildregie geht aufs Konto von Bob Coles) –, und einer Kamera, die sich auf den Dirigenten konzentriert, in dessen Gesicht und in dessen Gestik sich die Musik spiegelt. Abbado wirkt, auch wenn er ausholt, nie exaltiert. Er ist der Gentleman unter den Dirigenten, ein Italiener in der Maske eines Engländers, stets freundlich und bescheiden, niemals grimmig.
In einem Gespräch, das 2002, offensichtlich in einem Hotelzimmer, mit Claudio Abbado geführt wurde, sagt der Maestro, je großzügiger wir (Musik) geben, umso mehr erhalten wir dafür zurück. Das ist just, was Alexander Kluge in seinen „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ für die Liebe behauptet. Musik als Form der Liebe: ein schöner Gedanke. In den vergangenen zwanzig Jahren ist von zahlreichen Dirigenten, in Widerspruch zu Grete Wehmeiers wackeliger These, bemerkt worden, dass Beethoven in den Jahrzehnten davor zu langsam gespielt wurde. Auch Abbado legt höchsten Wert auf die Temporelationen und beruft sich dabei auf neue Ausgaben, in denen Beethovens eigene Korrekturen bei den ersten Aufführungen berücksichtigt wurden. Er ist also, ausdrücklich etwa bei der Einhaltung vorgeschriebener Wiederholungen, ein Anhänger der Werktreue und somit den Freaks der historischen Aufführungspraxis näher, als Vorurteile wahrhaben wollen.
Kleiderordnung
Eine Fußnote: Man kann Musikinstrumente funktional sehen, als Instrumente eben zur Erzeugung von Tönen. Man kann sie aber auch als ästhetische Objekte sehen. Die DVD bringt beide Aspekte auf einen Nenner. Illustrationen sind überflüssig.
Und noch eine Kleinigkeit, vielleicht belanglos, vielleicht doch charakteristisch: In Rom treten Abbado und die Herren im Orchester im Frack auf, in Berlin im dunklen Abendanzug und mit zum Teil schrillen Krawatten. Es handelt sich bei dem Berliner Konzert um eine Matinee, aber welcher göttliche Beschluss schreibt vor, dass man sich abends anders zu kleiden habe als tagsüber? Manche verstehen eben etwas von Kleiderordnungen, andere verstehen etwas von Musik. Und die Blicke der Kamera ins Publikum zeigen: in Rom ist es auffallend elegant, in Rom präsentiert es sich (ist das wirklich Roberto Begnini, der da mitten drin sitzt, oder ist es sein Doppelgänger?), in Berlin sieht es eher „normal“ aus, weil ihm Beethoven vermutlich mehr bedeutet als das Ereignis der „Feiersymphonie“ bei einem Europakonzert. Selbst die Standing Ovations in Rom dienen eher der Zurschaustellung als der Ehrung des Orchesters und seines Dirigenten. Sage einer, es gebe im vereinten Europa keine nationalen Unterschiede mehr…
Die informativen und eher knapp gehaltenen Begleittexte wurden diesmal deutsch geschrieben und ins Englische und Französische übersetzt, was den deutschen Leser vor eigentlich sträflichen sprachlichen Katastrophen bewahrt, wie sie sich zuletzt in den „Übersetzungen“ der Texte zu den Cellokonzerten von Schostakowitsch in der Interpretation von Dimitri Maslennikov ereignet haben.