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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:52

 

Alexander Kluge: Seen sind für Fische Inseln

02.04.2009


Fernseh-Vor-Bild

Kluge schafft es, Interesse zu wecken auch an Themen, die einen nicht von vornherein interessieren.

 

Alexander Kluges TV-Produktionen sind in mehrfacher Hinsicht bedeutsam: Erstens stellen sie so etwas dar wie eine moderne Enzyklopädie der Kulturgeschichte. Zweitens erinnern sie daran, was aus dem Fernsehen hätte werden können, wenn es einen anderen Weg eingeschlagen und sich entschlossen hätte, ein Kunst- und Informationsmedium und nicht ein Unterhaltungsmedium zu werden. Drittens räumen sie mit dem dümmlichen Vorurteil auf, die Bildmedien Film und Theater müssten, was sie zu sagen haben, ausschließlich in Bildern zeigen und im Ton laut werden lassen und dabei auf Schrift und Typographie verzichten. (In dem Beitrag über „Lagergeld“ scheint diese Technik angesichts der Thematik fast ein wenig frivol, zu verspielt, zu kunstgewerblich.) Und viertens hat Kluge in ihnen wie kein Zweiter die avantgardistischen Verfahren der (zeitlichen) Montage und der (räumlichen) Collage zu einer Einheit verknüpft.

Es macht Vergnügen, den (größtenteils) intelligenten Menschen zuzuhören, die Kluge vor seine Kamera holt. (Das Geschwätz der nach dem Amoklauf von Winnenden gedruckten und publizierten Expertenmeinungen hätte man sich sparen können. Was dazu zu sagen ist, hat Joseph Vogl in einem Gespräch mit Alexander Kluge bereits 2002 gesagt.) Es macht Vergnügen, seinen Assoziationen zu folgen, die zwischen heterogenen Phänomenen ungeahnte oder allenfalls geahnte, aber nicht zuende gedachte Zusammenhänge herstellen oder sie wie im Varieté unverbunden nebeneinander stehen lassen. Kluge schafft es, Interesse zu wecken auch an Themen, die einen nicht von vornherein interessieren.

Es macht Vergnügen, von Kluges Intelligenz und universaler Bildung auf so verschiedenen Gebieten wie der Musik, insbesondere der Oper, der politischen Geschichte, der Technik, der Astronomie oder der Militärgeschichte zu lernen. Kluge erzählt „Geschichten, die das Leben schrieb“, ist fasziniert von Extremsituationen: Katastrophen, Heldentaten, Melodramen, die gemeinhin mit dem Tod enden. Manche Motive tauchen bei Kluge immer wieder auf wie das Wort „Navigation“ – etwa die historische Ablösung der ökonomisch begründeten Versorgungs- oder Vernunftehe durch die Liebesheirat in Europa. Bemerkens- und nachahmenswert ist sein gegen verbreitete Vereinfachungen verstoßender dialektischer Zugang zu totalitären Regimen, insbesondere zur Sowjetunion und zum Nationalsozialismus.

Unfreiwillige Komik, politisches Kabarett

Dass Belehrung und sinnlich-ästhetische Erfahrung kein Widerspruch sind: kaum je kann man das so heiter erleben wie in Alexander Kluges Fernsehstücken, die sich jeder gattungsmäßigen Einordnung entziehen. Die Unterscheidung von Spielfilm, Dokumentarfilm, Trickfilm und Experimentalfilm, jener Gattungen also, die normalerweise streng auf eigenständige Programme, ja Sender verteilt sind, wird bei Kluge hinfällig. Ein Sonderfall sind jene „Interviews“, in denen ein Schauspieler – Peter Berling, dieser Bud Spencer des deutschen Films, oder Helge Schneider – die Rolle des Befragten übernimmt. Da wüsste man doch gerne, was improvisiert, was vorgegeben ist, ob die Auskünfte ernst zu nehmen oder Ulk sind. Aber vielleicht ist es gerade diese Ungewissheit, die Kluge mit diesen Beiträgen bezweckt. Er ist ja nicht nur ein scharfer Denker, sondern auch ein Schalk. Und seine Neigung zur Systematik beeinträchtigt nicht seine Sympathie für das Anarchische. Wenn ihm Georg Schramm die Pointen liefert, gelingt ihm sogar politisches Kabarett, wie es im deutschen Fernsehen kaum noch vorkommt.

Sprachgrenzen überwindet Kluge mittels Simultanübersetzung, die durch optimale Aussteuerung erstaunlich gut funktioniert. Hervorgehoben seien die genauen, mit der Materie vertrauten und sprachlich subtilen Übersetzungen von Rosemarie Tietze. Es gibt unfreiwillig „komische“ Momente – etwa wenn Hans Neuenfels mehr und mehr Thomas Bernhard gleicht und, noch verblüffender, der alte Joachim Kaiser Herbert von Karajan. Es gibt Erkenntnisse, die sich nebenbei aufdrängen. So macht der Zusammenschnitt von Opernszenen deutlich, wie begrenzt, ja konformistisch das Vokabular moderner Operninszenierungen oft ist. Manche Gesten, Gänge und Arrangements wiederholen sich, unabhängig von den Libretti, die sie visualisieren sollen. Und es gibt einen Beitrag, der, über seinen eigentlichen Inhalt hinaus, eine sehr berührende Botschaft vermittelt. Alexander Kluge führt ein Gespräch mit dem Nobelpreisträger Eric Kandel. Kandel, 1929 in Wien geboren, musste mit zehn Jahren seine Heimat verlassen. Sein Deutsch ist nur noch brüchig. Es ist immer wieder von englischen Wörtern durchsetzt. Kluges Mitarbeiterin Ulrike Sprenger, selbst eine hochintelligente Wissenschaftlerin, tut zwar ihr Bestes, als – ebenfalls vorzügliche – Übersetzerin zu intervenieren, aber sie hält sich dabei bescheiden zurück. Als Kandel am Ende des Interviews Kluges Frage offensichtlich nicht genau versteht, flüchtet er sich in ein verlegenes Lächeln. In seinem Blick ist etwas wie ein Anflug von Verzweiflung. Die Tragödie eines Menschen, dem man seine Muttersprache gestohlen hat. Die Tragödie des Exils: sie wird hier schlagartig sichtbar.

Selbst einem Alexander Kluge unterlaufen Fehler. In einem Schriftband heißt es „Progrom“ statt richtig „Pogrom“. Die Verwandlung des (russischen) Pogroms in ein (griechisch-deutsches) Programm ist eine Fehlleistung, die zu einer filmischen Reflexion anregen müsste. Von Alexander Kluge, versteht sich.

Der bei Zweitausendeins erhältliche Schuber enthält 14 CDs und ein bibliophil gestaltetes Album. Die mittellangen, kurzen und sehr kurzen Beiträge, die man bei der Ausstrahlung zu später Stunde mühsam auf mehreren Sendern auffinden musste, hat man nun, thematisch geordnet, beisammen. Und auf einmal bekommen sie neues Gewicht. Wenn etwa der Ökonom und Nobelpreisträger Stiglitz die Möglichkeit eines „Schwarzen Freitag“ prognostiziert. Wer wagte ihm heute zu widersprechen?

 

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