Claus Peymann/Hermann Beil: Weltkomödie Österreich
22.02.2004
Abschied vom Burgtheater
Eins der kräftigsten Argumente gegen die Ehe ist die häufig zu beobachtende Erscheinung, dass sich in ihr Blödheit akkumuliert. So aktuell zu registrieren am Ehepaar Jörg Lau und Mariam Lau, geborene Nirumand. Besessen von einem Hass gegen die Linke, der die beiden in besseren taz-Zeiten einst angehörten, überbieten sie sich gegenseitig in der Diffamierung aller, die die Politik der USA nicht für der Weisheit letzten Schluss halten. Eins jedenfalls kann man den Laus zugute halten: sie bewegen sich damit nicht im Mainstream. Es ist wohl nicht Opportunismus, sondern purer seniler Konservatismus, was Jörg und Mariam von Kritikern zu Parteigängern der Macht verwandelt hat. Sie spötteln, aber stets nur über die Verlierer, nicht über die Sieger. Ihre Ironie ist eine im doppelten Sinne verächtliche. Gemeinsam gegen die Schwachen: die Ehe macht stark.
Produktiver als der kollektive Eheschwachsinn ist die wechselseitige Ansteckung unter wahlverwandten Arbeitspaaren. Bereits drei Jahrzehnte bilden der Regisseur Claus Peymann und der Dramaturg Hermann Beil ein unzertrennliches Duo, und es steht zu vermuten, dass der eine ohne den anderen nicht hervorgebracht hätte, was uns kontinuierlich erfreut und amüsiert.
Zum Abschied vom Wiener Burgtheater, das Peymann und Beil dreizehn Jahre lang regiert hatten, veröffentlichten sie einen zweibändigen Wälzer mit dem Titel Weltkomödie Österreich. 13 Jahre Burgtheater. 1986-1999. Aus dieser Dokumentation lesen sie seither regelmäßig, stets mit erstaunlichem Erfolg. Nun hat der ORF solch eine Lesung auf CD verewigt, zur Freude derer, die Spott als Waffe gegen den Stumpfsinn der Mächtigen schätzen.
"Das Buch", wie Peymann es gerne nennt, dessen Dimensionen in der Regel in Kilogramm angegeben wird, ist, gelingt es einem erst einmal, es auf einem Pult oder einem Notenständer aufzuschlagen, ein Prachtstück. So opulent wurde noch kaum je die Arbeit eines Ensembles dokumentiert. Dass das der Selbstfeier dient, ist evident. Aber da das Burgtheater, Claus Peymann, die kulturpolitisch bewegten Jahre seiner Intendanz ja keine austauschbaren Größen, da sie in mancher Hinsicht singulär sind, darf solch eine aufwendige Rückschau auch das Interesse des Publikums beanspruchen: einmal des Burgtheaterpublikums, das die Erinnerung an erlebte Theaterabende auffrischen möchte, an große, bereits in die Theatergeschichte eingegangene Abenteuer und auch an Flops, an Momente schauspielerischer Höchstleistungen und an länger anhaltende Manifestationen österreichischer Niedertracht, die sich nicht selten in einer unproblematischen Mischung von (gegen Peymann gerichteter) Deutschfeindlichkeit und Antisemitismus - also schlicht: in primitivstem Fremdenhass - äußert; und dann des theaterhistorisch interessierten Lesepublikums, das so, mittels der zahlreichen Bilder und der schriftlichen Dokumente, einen Eindruck bekommt von einem Zeitabschnitt und einem Ort, in dem und an dem Theater teils zum überragenden ästhetischen Ereignis, teils zum die gesamte Gesellschaft erfassenden politischen Faktum und manchmal beides zugleich wurde. Denn so ärgerlich oder auch nur lächerlich die Borniertheit der Kampagnen, insbesondere eines Teils der Presse, gegen Peymann und seine Arbeit, auch gegen einen Teil "seiner" Autoren war, kann man immerhin Wien darum beneiden, dass Theater dort noch einen Stellenwert einnimmt, den in deutschen Städten allenfalls der Abriss des Stadions erreichen könnte.
Auf der CD hört man unter anderem eine Kostprobe jener Verse, die Österreichs begnadetster Dichter Wolf Martin unter dem Titel In den Wind gereimt in der Kronen Zeitung veröffentlicht; einen herrlichen Brief von Thomas Bernhard an Claus Peymann, der den Schimpfkanonaden der Figuren in seinen Stücken um nichts nachsteht; den charakteristischen anonymen Brief folgenden Inhalts: "Piefke! Falls das Stück 'Heldenplatz' im Burgtheater aufgeführt wird, garantieren wir eine öffentliche Watschenorgie auf offener Bühne für die Herren Peymann und Bernhard. Eine kräftige 6-Männerrunde aus Ottakring." Ferner: die in der Nachfolge von Bernhard geschriebenen Minidramen von Antonio Fian und Peter Turrini mit Peymann als Protagonisten; und einen Auszug aus dem Burgtheatertagebuch über Sicherheitsprobleme, eine Realsatire, die sich kein Thomas Bernhard ausdenken könnte. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass Beil und Peymann die Aufnahmen von Lesungen des Karl Kraus studiert haben. Zitat als beißende Satire: man findet es akustisch ideal realisiert auf dieser CD.
Unheimlich kann einem freilich werden, wenn das Wiener Publikum demonstrativ bei folgendem Statement des "grundsätzlichen Fremdlings" George Tabori klatscht: "Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne." So entlasten sich jene, deren Eltern Tabori und seinesgleichen ins Exil gejagt haben. Es fällt so leicht, die Bescheidung auf ein Bett rührend poetisch zu finden, wenn man selbst in der arisierten Vierzimmerwohnung haust. Vergessen die Zeit, da der Wiener Kulturstadtrat nicht wusste, wer Tabori sei, als diesem die Leitung eines kleinen Theaters angeboten werden sollte. Vergessen die Zeit, da selbst Minister Thomas Bernhard der Psychiatrie anempfahlen und Journalisten ihm kaum verschlüsselt den Tod wünschten. Komödien gehen bekanntlich gut aus. Bei der Weltkomödie Österreich bleibt einem das Lachen freilich im Halse stecken. Nicht erst seit das Land schwarz-blau regiert wird. Der letzte Bundeskanzler zu Peymanns Zeiten hieß Viktor Klima. Er war dem Vernehmen nach Sozialdemokrat.
Thomas Rothschild
Claus Peymann/Hermann Beil: Weltkomödie Österreich. ORF-CD 664
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