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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:52

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?

16.04.2009

Agitprop

Dem höhnischen Gelächter derer, deren Gehirne durchsetzt sind von der Agitation und der Propaganda des Kapitals, wird auch dieses Glanzlicht der deutschen Filmgeschichte nicht entgehen.

 

Die aus Russland übernommene Abkürzung „Agitprop“ (für Agitation und Propaganda) wird nur noch mit negativer Konnotation verwendet. Vorausgesetzt wird, dass, was der Agitation und Propaganda diene, ästhetisch wertlos sein müsse, ja zur Kunst im Widerspruch stünde. Es ist schon kurios: Dieselben Kritiker, die gegen Werbung für nutzlose oder gar schädliche Produkte nichts einzuwenden haben, heulen auf, wenn für (linke) Ideen und Ziele geworben wird. Das kommt: sie haben etwas gegen diese Ideen und Ziele. Sie verbergen ihr politisches hinter einem scheinbar ästhetischen Urteil. Da sie sich im Konkurrenzkampf Tag für Tag als Individualisten profilieren müssen und sich nicht als Teil eines Kollektivs fühlen, ist ihnen zutiefst zuwider, was für solch ein Kollektiv agitiert. Dass sie dabei massiv Propaganda für die bestehende Ordnung betreiben, wollen sie nicht wahrhaben.

Agitprop war ein Produkt der Arbeiterbewegung, und mit deren Niedergang hat auch der Agitprop sein Prestige verloren. Denn in der Weimarer Republik hatte er durchaus seine Funktion, und nur ein Banause kann behaupten, dass die Ergebnisse allesamt künstlerisch minderwertig waren. „Kuhle Wampe“ ist ein Musterbeispiel für Agitprop und für große Kunst, mehr noch: für eine dezidiert proletarische Kunst, wenn man darunter nicht notwendig von Proletariern geschaffene, sondern ihren Interessen dienende Kunst versteht. Im Film tritt sogar in einer Szene die Agitprop-Gruppe „Das Rote Sprachrohr“ auf. Dass Bertolt Brecht – zusammen mit dem für seine Reportageromane geschätzten Ernst Ottwalt, wie Brecht ein Teilnehmer an der so genannten Expressionismus-Debatte im Exil – das Drehbuch schrieb, hat diesem Film bis heute größere Bekanntheit eingebracht, aber es gab, auch in Deutschland, noch andere – zugegeben: nicht viele – Filme dieser Qualität.

Holzschnittartig

„Kuhle Wampe“ ist ein Plädoyer für Solidarität vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus. Der Regisseur Slatan Dudow war unverkennbar von den sowjetischen Filmen der zwanziger Jahre, namentlich von Sergej Eisenstein beeinflusst. Er arbeitet elliptisch, mit Kontrastmontage und starken filmischen Metaphern. Das Holzschnittartige, das auch vor der Karikatur nicht zurückschreckt, ist kein Versehen und keine Schwäche, sondern eine Stärke von „Kuhle Wampe“. Unschwer findet man in der Grafik und der Malerei von Daumier bis George Grosz Parallelen. Die Sozialkritik, die Skizzierung des „Zille-Milieus“ werden in „Kuhle Wampe“ nicht aufgegeben, aber sie werden, ganz im Sinne von Brechts Theater, ins Didaktische übergeführt. Die Gegner des Films, die 1932 seine Aufführung verhindern wollten, hatten natürlich völlig Recht, wenn sie feststellen, dass da keine Individuen, sondern Typen gestaltet werden. „Kuhle Wampe“ zeigt in der Tat eine typische Situation und schlägt die erwünschte Reaktion darauf vor. Wenn der Fürsprecher dies leugnet, so war das ein taktischer Schachzug, der angesichts der Machtverhältnisse klug gewesen sein mag – ganz im Sinne von Brechts späterer Verteidigung vor dem Ausschuss für unamerikanische Tätigkeit –, aber es hält einer Überprüfung nicht statt und ist, objektiv betrachtet, auch kein wirkliches Argument zugunsten des Films. Ironischerweise hat der Film die Anweisungen zu seiner vorübergehenden „Rettung“ selbst geliefert: Es war die Solidarität der Zuschauer, die ein Aufführungsverbot hintertrieb. Der Film wurde, wenngleich verstümmelt, in Kinos gezeigt, ehe ihn die Nationalsozialisten, zusammen mit vielen anderen Filmen, tatsächlich verbaten. Auch die DVD enthält die zensierte Fassung. Gibt es keine vollständige Kopie mehr? (Die Länge des in den vergangenen Jahren projizierten Films wird in manchen Quellen mit 71, in anderen mit 78 Minuten angegeben.) Konnte Suhrkamp dafür keine Rechte bekommen? Leider geizt die Edition mit eigentlich unverzichtbaren Angaben dazu.

Reaktionäre Folgerungen

Die Debatte um „Kuhle Wampe“ wurde, nach der Methode, mit der Heinrich Breloer später so erfolgreich wurde, in einem 1975 von Christa Mühl und Werner Hecht in der DDR gedrehten Film „Feigenblatt für ‚Kuhle Wampe’“ mit erstklassigen Schauspielern, wenngleich aus heutiger Sicht ziemlich altmodisch nachgestellt. Den sozialdemokratischen Advokaten des Films spielt Erwin Geschonneck, der in „Kuhle Wampe“ als Statist mitgewirkt hatte. Es ist außerordentlich lehrreich, wenn man die von den Reaktionären vorgetragenen Argumente für ein Verbot des Films analysiert. Diese Reaktionäre sind ja nicht alle dumm, und ihre Beobachtungen sind nicht unbedingt falsch – nur die Folgerungen, die sie daraus ziehen, sind eben reaktionär. Ihre Argumente stehen in einer Traditionslinie, die vom Prozess um Arthur Schnitzlers „Reigen“ bis zu den unsäglichen Bewertungen der kirchlichen Filmdienste in den fünfziger Jahren reicht.

Das „Feigenblatt“ ist, zusammen mit einem zwei Jahre vor „Kuhle Wampe“ entstandenen Dokumentarfilm von Slatan Dudow, auf der vorliegenden DVD enthalten. Dudows „Wie der Berliner Arbeiter wohnt“ stellt das Bindeglied her zwischen den im engeren Sinne realistischen sozialkritischen Filmen seiner Zeit und der Stilisierung von „Kuhle Wampe“. In der Gegenüberstellung von Arm und Reich nimmt dieser kleine Film Szenen des Spielfilms ansatzweise vorweg. „Kuhle Wampe“ ist aber zudem ein Meilenstein in der Geschichte der Filmmusik. Hanns Eislers Kompositionen sind integraler Bestandteil. Man achte nur auf die musikalische Ausdeutung der Sequenz mit den Arbeitsuchenden auf ihren Fahrrädern oder das Leitmotiv des „Solidaritätslieds“.

„Kuhle Wampe“ ist bis heute eins der Glanzlichter der deutschen Filmgeschichte. Nicht obwohl, sondern weil dieser Film Agitprop ist. Aber dem höhnischen Gelächter derer, deren Gehirne durchsetzt sind von der Agitation und der Propaganda des Kapitals, wird er nicht entgehen. Sollen wir uns darüber freuen, dass die gegenwärtige Finanzkrise dem Film zu unerwarteter Aktualität verholfen hat? Das ist die Zwickmühle, in der wir uns befinden: Wer wollte schon auf Kosten der Notleidenden Recht behalten?

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