Am 27. Mai jährt sich zum 70. Mal der Todestag von Joseph Roth. Der Diogenes Verlag bringt nach und nach Hörbücher heraus, die es auch den Lesefaulen ermöglichen, diesen großen Erzähler zu genießen. Zuletzt kamen „Hiob“, gesprochen von Peter Mati?, und „Tarabas“, gesprochen von Joseph Lorenz, auf den Markt, sowie ein Paket von fünf CDs mit Erzählungen, gesprochen von Peter Simonischek.
Über „Hiob“ schrieb Joseph Roth selbstkritisch und nicht ganz unzutreffend: „Es ist mir zu virtuos in seinem Geigenton; Paganini; das Leid ist zu schmackhaft und weich.“ Wer noch zu lesen vermag, führe sich parallel zu „Hiob“ Roths Essay „Juden auf Wanderschaft“ zu Gemüte. Der Vergleich macht deutlich, wie man denselben Stoff reflektierend und als Roman abhandeln kann. „Tarabas“ ist die Geschichte eines typisch Rothschen Mannes, dem prophezeit wird, dass er ein Mörder und ein Heiliger sei. Wie bei „Hiob“, so spielt auch in „Tarabas“ der Gegensatz von Russland und Amerika, das Joseph Roth niemals besucht hat, eine wichtige Rolle.
Melodramen der versäumten Möglichkeiten
Die Erzählungen Joseph Roths standen stets im Schatten seiner Romane - zu Unrecht. In ihnen erweist er sich als ein Verwandter von Anton Tschechow und von Peter Altenberg. Sie sind melancholisch und humoristisch zugleich, lyrisch im Ton und spannend im Inhalt. Sie verfügen über all die Qualitäten, die auch Roths Romane auszeichnen: Tempo im Voranschreiten der Handlung, eine musikalische Sprache und eine Meisterschaft der Vergleiche, die in der deutschen Literatur konkurrenzlos ist. Es sind Melodramen der versäumten Möglichkeiten. Schon wahr, manchmal streifen diese Erzählungen den Kitsch, aber es ist die Sprache, die sie davor bewahrt. Übrigens ist die Gattungsbezeichnung für Roths längere Erzählungen problematisch, aber Novelle wäre es auch. Das Russische kennt für Texte dieses Formats den Begriff „povest’“, für den es im Deutschen keine Entsprechung gibt. Die von Simonischek gelesenen Prosastücke kommen der russischen „povest’“ sehr nahe.
Es gibt nicht allzu viele literarische Werke, die beschreiben, wie einer Nationalsozialist wird. Ödön von Horváths „Sladek“ wäre zu nennen, Lion Feuchtwangers „Die Geschwister Oppenheim“ (später unter dem Titel „Die Geschwister Oppermann“), Franz Werfels Fragment „Cella“, Klaus Manns „Mephisto“, Erika Manns „Wenn die Lichter ausgehen“, Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“, „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers, Arnold Zweigs „Das Beil von Wandsbek“, Marie Frischaufs „Der graue Mann“, „Der Vater eines Mörders“ von Alfred Andersch. Und eben auch Joseph Roths erster Roman „Das Spinnennetz“. Der neue Star des Deutschen Theaters in Berlin Ulrich Matthes liest ihn in der Diogenes-Edition. Die posthum veröffentlichte Erzählung „Der Leviathan“, eine Parabel über den Traum von der Schönheit und das Wesen unverfälschter Kunst, wiederum spricht als einzige Frau unter lauter Männern Senta Berger. Regie führt ihr Mann Michael Verhoeven.