Zugegeben, an den Erfindungsreichtum und die Gewagtheit des deutschen Regietheaters, das längst – maßgeblich auf dem Umweg über Brüssel – die Opernbühnen erreicht hat, kommt diese Inszenierung nicht heran. Pier Luigi Pizzi, erfahren und in seiner italienischen Heimat populär, setzt auf eine konservative, aber plausible Regie und ein von ihm selbst entworfenes dazu passendes Bühnenbild – ein an ein Gefängnis erinnerndes Gittergeflecht mit symmetrisch angeordneten Stegen und im Kontrast dazu ein realistischer Park von Fortheringay. Die Positionierung der Sänger an der Rampe verdankt sich weniger einem Regiekonzept als den akustischen Tücken der legendären Mailänder Scala. Wer aber Kostümtheater nicht grundsätzlich ablehnt, wird diesem Arrangement, das der Musik nicht die Schau stiehlt, etwas abgewinnen.
Heute nennt man das „Zickenkrieg“, was zwischen Maria Stuart und Elisabeth von England stattfand. Gaetano Donizetti hat den Stoff, den man in der komplexeren Fassung von Schillers Drama kennt, kongenial in Musik umgesetzt. Dennoch: seine Oper fiel bei der Uraufführung durch und blieb lange Jahre vergessen. Zu Unrecht, wie die Aufnahme aus Mailand zeigt. Auf dem Höhepunkt dürfen sich die Antagonistinnen sängerisch messen. An der Mailänder Scala, die ja nicht zufällig bis heute ihren Ruf als erste Adresse für italienisches Belcanto bewahren konnte, übertrifft die Maria Mariella Devias die Elisabeth Anna Caterina Antonacci vor allem in den oberen Lagen. Den Kopf kostet es sie am Ende dennoch, weil Elisabeth den ungebrochenen Stolz ihrer Rivalin nicht erträgt. Der Leicester Francesco Melis kann mit den beiden Damen mithalten. Jedenfalls stimmlich.