Heute wollen wir ein Loblied singen auf die Arbeit von Filmarchiven, die legendäre, aber de facto unbekannte Filme minutiös restaurieren und so in ihrer ursprünglichen Form erkennbar machen und für die Nachwelt bewahren. Bisher waren diese Filme – im konkreten Fall „Die freudlose Gasse“ von G. W. Pabst –, wenn überhaupt, nur in (hier nicht zuletzt durch die Zensur) verstümmelten und nach all den Jahrzehnten in bejammernswertem Zustand befindlichen Kopien zu sehen. Zwar gibt es, außerhalb weniger Großstädte, kaum noch Spielstätten, die solche Filme vorführen, und die Archive verleihen sie meist auch nur zögerlich und für Gebühren, die Kommunale Kinos etwa nicht bezahlen können. Aber die DVD, die freilich die große Leinwand nicht ersetzen kann, macht immerhin Schätze zugänglich, wie liebevoll produzierte Kunstbände uns mit Bildern bekannt machen, die im Original an ihren Aufbewahrungsorten zu besuchen nicht jedem möglich ist.
„Die freudlose Gasse“ nach einem Roman von Hugo Bettauer ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Einmal wegen seiner üppigen Nutzung der ästhetischen Möglichkeiten, die der Stummfilm in seiner späten Phase – 1925 – entwickelt hatte, dann wegen des unverkennbaren Einflusses von Freudschen Erkenntnissen auf die Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, und schließlich wegen seiner sozialkritischen Gegenüberstellung von Reich und Arm, die heute, im Zeichen der Finanzkrise, wieder unvermutete Aktualität erlangt hat. Darüber hinaus erweckt Pabsts Meisterwerk einige der großen (Film-)Schauspieler zu neuem Leben, darunter die junge Greta Garbo, Asta Nielsen und Werner Krauß.
Ein reich illustriertes, immerhin 239 Seiten dickes Begleitbuch des Filmarchivs Austria, das die digital bearbeitete Edition zusammen mit dem Filmmuseum München und der Filmgalerie Krems besorgt hat, informiert über die Hintergründe und Begleitumstände der Produktion des Films. Es liefert analytische Ansätze und eine Beschreibung der Restaurierung, etwa der Überlegungen zur Viragierung. So seriös kann man mit einer Kunst umgehen, die nach vorherrschender Meinung lediglich als Unterhaltung zu gelten hat. „Die freudlose Gasse“, so darf man ohne zu zögern behaupten, ist für die Filmgeschichte nicht weniger bedeutend als es „Die Dreigroschenoper“ oder die Stücke Ödön von Horváths für die Bühne sind, und sie besitzt nicht weniger Anspruch auf Würde als diese. Ein Lump, wer das bespöttelt.