Das Vergnügen an der Improvisation ist nicht eine Erfindung des Jazz. Es verdankt sich einmal der Überraschung durch das Unvorhersehbare und dann der Virtuosität dessen, der sie hervorbringt. Für die vorklassische Musik gehörte die Improvisation zum Bestand. Sie hatte ihren festen Platz in Solokonzerten, in der sogenannten Kadenz, in der der Solist kurz vor Ende des ersten und dritten Satzes über das bis dahin entwickelte Material, die Motive des entsprechenden Satzes fantasiert, ehe das Orchester erneut zur Coda einsetzt. Da aber nicht jeder Solist zur freien Improvisation in der Lage ist, haben Komponisten solche Kadenzen komponiert oder auch bedeutende Virtuosen ihre Kadenzen notiert, so dass sie bis heute nachgespielt werden. Für nachgeborene Komponisten bestand ein besonderer Reiz darin, den Stil des Kollegen, für dessen Konzert sie eine Kadenz nachlieferten, aufzunehmen und zugleich ihre eigene Handschrift zu deponieren.
So ist es ein schöner Einfall, wenn der Pianist Michael Rische, unterstützt vom WDR Sinfonieorchester Köln unter Howard Griffiths, hintereinander mehrere Kadenzen für Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll spielt und zum Vergleich auffordert. Außer eigenen Kadenzen für das Allegro und das Rondo bietet er solche von Busoni, Brahms, Hummel, Beethoven, Clara Schumann und von Mozarts Sohn Franz Xaver Wolfgang an. Und es ist in der Tat im besten Sinne belehrend, wenn man so, in der unmittelbaren Gegenüberstellung, wahrnimmt, wie unterschiedlich man mit dem gleichen Fundus umgehen kann. Die hier gewählten Komponisten haben übrigens seinerzeit alle Mozarts Klavierkonzert selbst interpretiert. Die Kadenz ist der Ort, an dem sich Erfindung und Interpretation treffen. Darin ist sie tatsächlich eine Verwandte des Jazz.