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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:54

Théâtre du Soleil: Le Dernier Caravansérail (Odyssées)

02.07.2009

Unser Jahrhundert auf der Bühne

Ariane Mnouchkines Fähigkeiten als Regisseurin gehen einher mit einem ausgeprägten politischen Bewusstsein und einer unbeirrbaren ethischen Haltung.

 

Ob man unser Jahrhundert später einmal für sonderlich zivilisiert halten wird? Wir leben in einer Zeit unvorstellbarer Gewalt, in einer Zeit der Massenfluchten und des Exils. Aber kann man das auf die Bühne bringen? Vielleicht gibt es zurzeit nur eine Regisseurin, die dieses Kunststück vermag: Ariane Mnouchkine. Ihr „Dernier Caravansérail“ hat genau dies zum Thema, und die große Mnouchkine bewältigt es ästhetisch, weil sie wie niemand sonst die Tricks des Theaters beherrscht, seine Möglichkeiten mit geradezu enzyklopädischer Universalität kennt und umzusetzen vermag. Und noch eine Voraussetzung für diese Meisterleistung bringt sie mit: dass ihre Fähigkeiten als Regisseurin einhergehen mit einem ausgeprägten politischen Bewusstsein und einer unbeirrbaren ethischen Haltung.

Gewiss, auch „Le Dernier Caravansérail“ hat seine Vorläufer. Die ineinander verschachtelte Montage mehrerer paralleler Erzählungen erinnert an „Intolerance“ von D. W. Griffith. Die Folge kurzer Szenen und die Einheit von intellektueller Durchdringung und emotionalem Impakt lassen an Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ denken. Auch der Kanadier Robert Lepage mag einem einfallen. Aber Mnouchkines Inszenierung sprengt die bekannten Dimensionen. Hier ist es, das Theater für unsere Zeit, das so oft gefordert wird, das uns angeht und doch auf dem eigenständigen Charakter von Kunst besteht.

Der Mensch benötigt Kunst

Dem utilitaristischen russischen Kritiker des 19. Jahrhunderts Pisarev wird der Ausspruch zugeschrieben, ein Paar Stiefel seien mehr wert als Puschkin (oder Shakespeare). In der zweiten Szene von „Le Dernier Caravansérail“ macht ein Mann mit einem schwer verletzten Bein aus der Krücke, die ihm gereicht wird, eine Flöte und bläst darauf „All the lonely people“. Das Sinnbild kennzeichnet die Überzeugung Ariane Mnouchkines: dass der Mensch Kunst ebenso benötige wie eine Krücke, wenn sein Bein verletzt ist.

Gemeinsam mit ihrem Team hat Ariane Mnouchkine eine Filmvariante von „Le Dernier Caravansérail“ hergestellt. Es ist, verglichen mit ihrem „Molière“ und auch mit „Die wunderbare Nacht“, weniger als ein Film, aber mehr als eine Dokumentation der originalen Bühnenfassung. Von ihr kann man sich mittels einiger angehängter und von Mnouchkine kommentierter Szenenausschnitte ein Bild machen. Es ist bemerkenswert, dass der Film, obwohl er die Künstlichkeit des Décors beibehält, naturalistische Elemente, vor allem in der Mimik, hinzufügt, wo sich Mnouchkines Theater sehr viel konsequenter für Stilisierung entscheidet.

Die Umbauten, die in der Cartoucherie, der Heimstatt von Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil draußen im Bois de Vincennes, auf offener Bühne stattfinden, werden im Film nur angedeutet. Sie sind dort technisch nicht vonnöten. Aber mit ihrer Tilgung geht auch ein Teil von Mnouchkines Bühnenästhetik verloren, die nichts weniger ist als äußerlich. Sie kennt schließlich auch ihren Brecht.

Utopie einer besseren Welt

In die Theatergeschichte eingegangen sind Ariane Mnouchkines (unvollendeter) dreiteiliger Shakespeare-Zyklus und ihre auf vier Abende aufgeteilten „Atriden“. Wie Richard II. im Laufschritt die Bühne betrat, wie der Chor der Mägde in den „Choephoren“ über die Spielfläche fegte – das hat sich dem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt, und „Le Dernier Caravansérail“ belegt einmal mehr, dass die Mnouchkine die konkurrenzlose, unverkennbar von asiatischen Traditionen beeinflusste Gestalterin effektvoller Auftritte ist. Aber auch die auf mehreren Podien zu theatralischem Leben erweckte Revolution von „1789“, der tödliche Absturz des algerischen Gastarbeiters in „L’Âge d’or“, die auf zwei gegenüberliegende Bühnen verteilte eigene Bearbeitung der Mnouchkine von Klaus Manns „Mephisto“, lange vor István Szabós Verfilmung, der „Tartuffe“, der sich frühzeitig mit dem Islamismus auseinandersetzt, dann später die Stücke von Hélène Cixous sind bleibende Erinnerungen geblieben, und es ist eine Schande, dass sie nicht alle filmisch konserviert wurde.

So düster „Le Dernier Caravansérail“ ist, angesichts seines Themas sein muss – am Schluss steht fast in Idyll. Und die Feministin Ariane Mnouchkine deutet eine unaufdringliche Pointe an: Nachdem all die Gefahren der Flucht und des fraglichen Asyls überwunden sind, die Brutalität der Fanatiker und der geldgierigen Schleuser, die gepflegte Kaltherzigkeit der Einwanderungsbehörden, gilt es, auch im Exil, die Bevormundung von Frauen im Islam zu überwinden.

In einem Gespräch mit Schülern in Avignon, das als Bonus auf der Doppel-DVD enthalten ist, spricht Ariane Mnouchkine ein paar Aspekte an, die zu weiterer Reflexion anregen: die Bedeutung der eigenen Biographie – Mnouchkines Vorfahren mussten aus Russland flüchten –, den Vorteil der Großaufnahme, den der Film gegenüber dem Theater hat (ist es tatsächlich immer ein Vorteil?), die Fähigkeit des Theaters, Leiden erfahrbar, nachempfindbar zu machen, die außerhalb des Theaters nur Worte bleiben, keine Gefühle auslösen. Wer hinter die Kulissen des Théâtre du Soleil blickt, weiß, dass es auch dort nicht immer nur eitel Sonnenschein gab. Aber es ist, trotz allem und gerade mit „Le Dernier Caravansérail“, der einem unter die Haut gehen muss, wenn man nicht total verhärtet ist, auch ein Stück Utopie einer besseren Welt. Es ist das nicht zuletzt dank der bewundernswerten Ariane Mnouchkine.

 

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