Das Schlagwort für den Rock’n’Roll war „Authentizität“. Doch das genaue Gegenteil ist ebenso amerikanisch wie der Rock’n’Roll: die absolute Künstlichkeit. Barbra Streisand repräsentiert diese Kultur der ausgeklügelten Show wie kaum ein anderer Star. In ihren Konzerten, von denen zwei nun auf DVDs vorliegen – eins von 2006 in Fort Lauderdale und eins von 1993 aus dem kalifornischen Anaheim –, bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jede Geste, jede Bewegung ist Kalkül. Diese Konzerte sind, wenn man die Wahrheit sagt, gigantische Kitschorgien – in ihrer Ausstattung, ihrer Lichtregie, den Arrangements des überdimensionierten Orchesters, ihrer Dramaturgie. Und sie sind, so einnehmend politisch sich die Streisand seit den Tagen Kennedys gegeben hat, Demonstrationen einer Bürgerlichkeit, die dem plebejischen Image des Rock’n’Roll diametral entgegensteht. Aber Barbra Streisand hat eine Stimme, und sie kann damit umgehen.
Streisands Stärke sind langsame, lyrische Balladen, das weiß sie, und deshalb besteht ihr Programm fast ausschließlich aus solchen Songs, die sich untereinander nicht unähnlich sind. Man muss die Sängerin und Schauspielerin schon sehr mögen, um das auf die Dauer nicht ermüdend zu finden. Aber ihr Publikum in den Riesenhallen überschüttet sie nicht nur mit Begeisterung, sondern mit offensichtlicher Liebe, und wer diese Liebe teilt, wir an dem DVD-Paket seine pure Freude haben.
Antiamerikanisch?
Der eigentliche Clou jedoch ist die dritte DVD, eine Dokumentation über die Produktion der LP „The Broadway Album“. Gerade weil Barbra Streisand hier keine Show abzieht, wird deutlich, wie sie sich stilisiert, wenn sie auf der Bühne steht. Hier, im Gespräch und bei den Aufnahmen im Studio, ist sie fast authentisch. Das macht sie nicht zu einer Rock’n’Rollerin, aber zu einem sympathischen und ziemlich normalen Menschen. Dabei muss es aus heutiger Sicht kokett und komisch wirken, wenn sich die Streisand als eine Künstlerin darstellt, die nicht kommerziell genug sei, deren Songs sich nicht verkauften. Wer, wenn nicht sie, wäre kommerziell? Oder anders gefragt: was sind die Standards einer Plattenindustrie, die derlei zu produzieren zögert, weil es nicht genug Geld einbringe? Man kann gar nicht argwöhnisch genug sein gegen solch einen Schwachsinn, und wenn das antiamerikanisch ist, dann muss man eben, mit oder gegen Barbra Streisand, die bei aller Kritik ständig von „this beautiful country“ schwärmt, antiamerikanisch sein.