Die Mozart-Opern bilden den Kern der Salzburger Festspiele, zwar nicht so ausschließlich wie Wagner in Bayreuth, aber doch immerhin mit solcher Dringlichkeit, dass sie alle paar Jahre neu inszeniert werden, auch wenn vorausgegangene Interpretationen durchaus noch sehens- und hörenswert wären. Diese Serie freilich ermöglicht eine vergleichende Einsicht in den Wandel der Regiestile, wie man sie ansonsten selten gewinnen kann. Da mag eine DVD-Box mit drei Bespielen Hilfestellung leisten.
Jean-Pierre Ponnelles zu Recht gefeierte, später für Zürich modifizierte Inszenierung der „Zauberflöte“, die von 1978 bis 1986 auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele stand und heute doch schon vergleichsweise altmodisch wirkt, arbeitet die Herkunft Papagenos aus dem Wiener Volkstheater heraus, betont aber auch die Grausamkeit des Menschenexperiments, das, wie in „Così fan tutte“ oder auch im Orfeus-Stoff auf Kosten der Frauen stattfindet: Um in den Stand der Weisheit zu gelangen, muss Tamino Pamina quälen, indem er ihr jedes Wort verweigert und auch schweigt, als ihr zum Schein sein Tod angekündigt wird.
Weitaus verstaubter wirkt die wenig einfallsreiche „Così fan tutte“ von Michael Hampe, wenn man sie etwa mit der jüngsten Inszenierung von Karl-Ernst und Ursel Herrmann vergleicht. (Auf die diesjährige Neuinszenierung von Claus Guth darf man nach seinem „Figaro“ und seinem „Don Giovanni“ neugierig sein.)
Zeitgenössisches Musiktheater
Gemessen an Ponnelles „Zauberflöte“ und an Hampes „Così fan tutte“ macht Martin Ku¨ej zwei Jahrzehnte später aus dem spröden Stoff von „La clemenza di Tito“, dieser Opera seria über „Autonomie und Gnade“ (Ivan Nagel), unübertreffliches zeitgenössisches Musiktheater. Das geht nicht, wie von Nostalgikern der Karajan-Zeit oft behauptet, auf Kosten der Musik. Die Solisten können es gesanglich mit jenen der anderen hier vorgestellten DVDs aufnehmen, allen voran Vesselina Kasarova in der Hosenrolle des Sesto, dann Elina Garan?a in der zweiten zu Mozarts Lebzeiten von Kastraten gesungenen Rolle, als Annio, ferner Barbara Bonney als die tugendhafte Servilia und Dorothea Röschmann als die ehrgeizige Intrigantin Vitellia, schließlich Michael Schade in der Titelrolle. Nikolaus Harnoncourts Dirigat wurde zu Recht gerühmt und demonstriert im Vergleich zu Levine und Muti – mit dem gleichen Orchester übrigens, den Wiener Philharmonikern – einen verschlankten, transparenten Mozart.