Das Regietheater hat durch allzu viel Willkür und ein Geltungsbedürfnis, mit dem Intelligenz und Begabung nicht Schritt halten können, seinen guten Ruf ruiniert. Was Regietheater im Glücksfall bedeuten kann, dokumentiert Andrea Breths zu Recht hochgepriesene Burgtheater-Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ aus dem Jahr 2005. Jetzt ist sie auf DVD abrufbar.
Was Breths Arbeit von den meisten aktuellen Inszenierungen der jüngeren Regiestars unterscheidet, lässt sich in einem Satz sagen: Sie entwickelt ihr Konzept durch genaue Lektüre aus dem Text, statt es ihm überzustülpen. Das hat mit der Texttreue des Stadttheaters seligen Gedenkens nichts zu tun. Aber es nimmt die Vorlage ernst, nützt sie nicht in anmaßender Selbstüberschätzung bloß als Spielmaterial, das zur freien Verfügung steht.
„Don Carlos“ ist ja zugleich eine Liebestragödie und ein politisches Drama. Beides arbeitet Andrea Breth heraus, aber die politische Dimension drängt sich bei ihr in den Vordergrund. Breth entwirft in der Kulisse Martin Zehetgrubers, einem kalt-funktionalistischen Bürolabyrinth, das Bild eines totalen Überwachungsstaats. Ohne billige Aktualisierungen gewinnt Breth Schillers Stück, das nicht ganz ohne Grund bereits als unspielbar galt, eine Gegenwärtigkeit ab, die man darin kaum vermutet hätte. Dabei spielen Blicke eine zentrale Rolle: geheime Blickkontakte zwischen Komplizen, skeptische Blickkontakte von Beobachtern, Blickvermeidungen zwischen Liebenden und zwischen Feinden. Jeder und alles steht ständig unter Kuratel. Wer scheinbar geschäftig die Bühne überquert, wer wartend im Hintergrund steht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Spitzel.
Jeder einzelnen Figur verleiht Breth eine deutliche Kontur. Dafür stehen ihr an der Burg großartige Schauspieler zur Verfügung, allen voran Sven-Eric Bechtolf als Philipp II. Am schwächsten sind noch der erstaunlicherweise überschwänglich gelobte Philipp Hauss in der Titelrolle und vor allem Denis Petkovi? als Posa. Offenbar wollte ihn Andrea Breth (auch) als Fanatiker kennzeichnen. Aber der junge Schauspieler gerät dabei immer wieder ins Chargieren. Schade: da hätte man sich einen Darsteller gewünscht, der Bechtolf nicht nur im Dialog ebenbürtig gegenübersteht.
“Ephemerer Charakter“ des Theaters
Was Andrea Breth vermieden hat, hat die Fernsehregie leider vollbracht: sich eitel in den Vordergrund zu drängen. Mit ihren Mätzchen zerstört sie Arrangement und Choreographie, das Zusammenspiel des Ensembles. Mit penetrantem Nachdruck hebt sie durch Perspektivierung und Einstellungsgröße Details hervor, die gerade durch ihre Beiläufigkeit beeindrucken. Für das Theater kann dieses Video keinen Ersatz leisten. Es verdankt seine Existenzberechtigung dessen Vergänglichkeit. Man könnte auch sagen: Es ist der Kamerareport eines Spähers vom Wunder eines Theaterabends. So, immerhin, bleibt uns Andrea Breths großer Wurf erhalten.
Das aber sollte man nicht geringschätzen. Josef Bierbichler, einer der aufregendsten Schauspieler unserer Zeit, dessen Meinung Gewicht hat, hat in einem Brief an den Hörverlag, der in „Theater der Zeit“ veröffentlicht wurde, vehement gegen Aufzeichnungen von Theateraufführungen protestiert. Ihre Einzigartigkeit liege in ihrem „ephemeren Charakter“, den es zu verteidigen gelte. Die Vermischung der Medien halte er für „obszön“. Im Grunde kann man Bierbichler nur zustimmen. Wenn er aber schreibt, er wolle „unauffindbar“ sein, wenn er weg sei, „damit niemand sich messen kann an mir, weil er glaubt, ich hätte Maßstäbe gesetzt“, so ist das zwar gewiss ehrenwert, kann aber nur individuell für ihn selbst gelten. Für die Qualität der Künste, auch für das Theater, das „immer wieder neu gefunden werden muss, anstatt aufzubauen auf Gewesenem“, können Maßstäbe, kann die Kenntnis von „seinem Wirken in der Vergangenheit“, das man ja deshalb noch nicht kopieren muss, schon von Nutzen sein. Auch eine Breth bewundert vorausgegangene Regisseure. Das nimmt ihr nichts von ihrer Produktivität. Im Übrigen hat Bierbichler auch ohne Fernsehaufzeichnungen oder gar Hörbücher (was ein grundlegender Unterschied ist) längst Maßstäbe gesetzt, ob er es will oder nicht.