In einem Gespräch mit einem Musiker, antwortete er mir auf die Frage, ob Musikinterpreten intelligent sein müssten: wenn sie sich moderner Musik widmen, ja. Sie sei – häufig schon in ihrer Notation – so komplex, so schwer zu verstehen, dass es ohne Intelligenz nicht gehe. Die armenisch-amerikanische Bratscherin Kim Kashkashian ist mit Sicherheit hochintelligent. Mit bewundernswerter Konsequenz und mit unerschütterlichem Respekt vor dem Schöpferischen verhilft sie den Werken zeitgenössischer Komponisten zu einer Wahrnehmung jenseits der Partitur, also de facto: zur Wahrnehmung überhaupt. Kein Wunder, dass Komponisten ihrerseits gerne für Kashkashian schreiben, zumal sie nicht bloß eine wohlmeinende Samariterin ist, sondern eine der größten lebenden Künstlerinnen auf ihrem Instrument.
Auf ihrer jüngsten CD hat sie, zusammen mit dem Münchener Kammerorchester, mit dem Perkussionisten Robyn Schulkowsky, dem Boston Modern Orchestra Project und dem Kuss Quartett und mit Hilfe ihres langjährigen Produzenten Manfred Eicher vier Stücke von drei Komponisten, Tigran Mansurian aus Armenien sowie Betty Olivero und Eitan Steinberg aus Israel, aufgenommen. Hinzu kommt ein Klaviersolo, gespielt von Tigran Mansurian. Was die Kompositionen verbindet, ist der unüberhörbare Einfluss folkloristischer weltlicher und sakraler Traditionen. Ornamentik prägt diese Stücke, eine orientalische Verzierungskunst, die freilich „7 Seconds“ von Neneh Cherry und Youssou N'Dour näher steht als der Arie der Königin der Nacht.
Vielleicht ist das ja in diesem Zusammenhang aufgesetzt, aber Tatsache ist: die Armenier und die Juden verbindet die historische Erfahrung des Genozids. Dass sie die Musik geprägt habe, wäre wohl eine gewagte These. Aber Verwandtschaften lassen sich durchaus heraushören. Das aktuelle Buch zum Thema: Guenter Lewy: „Der armenische Fall. Die Politisierung von Geschichte. Was geschah, wie es geschah und warum es geschah“, Edition Diwan im Wieser Verlag. Eine andere Assoziation, die sich einstellt, ist die zu Atom Egoyan. Wie den Filmregisseur, so zieht es auch die Viola-Virtuosin zu den armenischen Wurzeln hin, obwohl beide fernab der Heimat ihrer Väter aufgewachsen sind.