Es gibt im Feminismus unterschiedliche Strömungen, die nicht mehr mit einander gemeinsam haben als die Caritas mit der Roten Hilfe, so auch in Bezug auf die Sexualität. Einer verbiesterten Fraktion, die Sexualität grundsätzlich als Aggression empfindet und nahtlos an die Prüderie der katholischen Kirche anschließt, steht eine lebenszugewandte Fraktion gegenüber, die für eine befreite (weibliche) Sexualität kämpft, die so genannten Perversionen eingeschlossen. Zu dieser zweiten Richtung gehören die Autorinnen im Umkreis des Tübinger Konkursbuch Verlags von Claudia Gehrke und namentlich die Filmemacherin Monika Treut. Es ist übrigens interessant, dass der sexualfeindliche Feminismus keine Kunst von Bedeutung hervorgebracht hat. Seine Abwehr von Lust und Erotik betrifft nicht nur den Umgang mit Männern. Aus dem vitalen, frechen Feminismus hingegen, seien seine Vertreterinnen homo- oder heterosexuell orientiert, sind eine ganz Reihe aufregender Künstlerinnen hervorgegangen, deren Werk sich nur zum Teil an die In-Group wendet, in der Regel aber von ebenso universeller Gültigkeit ist wie etwa die Produktionen von Henry Miller, Hans Bellmer oder Kenneth Anger. Dazu gehören die Filme von Monika Treut, die es längst verdient hätten, über den Kreis cinéastischer und feministischer Insider hinaus bekannt zu sein. Eine DVD-Box mit fünf ihrer Filme, drei Spielfilmen und zwei Dokumentarfilme über Transgender (der sich für den Vergleich mit dem ein Jahr später entstandenen Film „A Boy Named Sue“ von Julie Wyman anbietet) und über Yvonne Bezerra de Mello, die sich um Straßenkinder in Rio kümmert, gibt dazu nun Gelegenheit.
Widerstand gegen ein realistisches Kino
Monika Treut, die über de Sade und Sacher-Masoch dissertiert hat, steht in einer Tradition, die Sexualität als subversive Kraft versteht. Das aber hat die Sexualität im günstigen Fall mit dem Film gemeinsam. Für wenige Filmemacher trifft der Titel von Amos Vogels grundlegendem Buch „Film als subversive Kunst“ von 1974 so sehr zu wie für Monika Treut. Zusammen mit ihrer Kamerafrau und Koregisseurin Elfi Mikesch leistet sie, am radikalsten in „Verführung: Die grausame Frau“ von 1985, einer freien Adaption von Sacher-Masochs Roman „Venus im Pelz“, Widerstand gegen ein realistisches Kino und setzt stattdessen auf extreme Stilisierung und auf Fantastik. Der frühe Buñuel und das New American Cinema sind die Ahnen dieses Kinos, das durch seine Machart zumindest ebenso provoziert wie durch seine Themen. Monika Treut moralisiert nicht. Ihre Filme lassen 99 Prozent dessen, was uns im Kino vorgeführt wird, als sentimentalen Kitsch erscheinen. Viele an Monika Treuts Filmen Mitwirkende entstammen der deutschen und später auch der amerikanischen Subkultur der achtziger Jahre. Man kann sie in mancherlei Hinsicht durchaus mit Andy Warhols New Yorker Factory vergleichen, aber auch mit dem Milieu des Wiener Aktionismus.
Treuts schwarz-weiße „Jungfrauenmaschine“ von 1988 wiederum ruft Erinnerungen an die Nouvelle Vague, an den frühen Godard ab. Mit „My Father Is Coming“ von 1991 nähert sich die Regisseurin der Dramaturgie des Erzählfilms, ohne ihre avantgardistischen Anfänge ganz zu verraten. Von der biederen Dramaturgie, die die meisten deutschen Filme unserer Jahre kennzeichnet, ist das noch meilenweit entfernt. Und der unvergessene Alfred Edel stellt einen weiteren Zusammenhang her, zu Alexander Kluge nämlich.