Die Box mit den zehn nicht chronologisch nach der Entstehungszeit der Stücke oder nach den Inszenierungen, sondern alphabetisch geordneten DVDs trägt den anspruchsvollen Titel „Klassiker des Theaters“. Nun kann man immer darüber streiten, wer zu den „Klassikern“ des jüngeren deutschen Theaters (denn das ist in Wahrheit gemeint, wo Mnouchkine, Brook oder Wilson fehlen) zählt. Andrea Breth, Luc Bondy, Leander Haussmann, Michael Thalheimer, auch Nicolas Stemann, Jan Bosse und Stephan Kimmig gehören sicher dazu. Bei Gil Mehmert würde man schon erhebliche Bedenken anmelden. Hingegen fehlen bei solch einem Versprechen Regisseure wie Peter Zadek, Peter Stein, Klaus Michael Grüber, Thomas Langhoff, Claus Peymann, Einar Schleef, Jürgen Gosch, Christoph Marthaler, Andreas Kriegenburg, um nur einige zu nennen, die mit Sicherheit einmal eher als „Klassiker“ gelten werden als Mehmert. Und auch bei den ausgewählten Inszenierungen kann man Einwände vorbringen. Andrea Breths „Emilia Galotti“ ist ein Höhepunkt der vergangenen Jahre, aber mit ihrem „Don Carlos“ hat sie selbst diesen noch überboten. Er sollte neben Bondys in der Tat genialem „Lear“ stehen.
Und da muss man denn auf den kleingedruckten Untertitel der Kassette achten: „10 Jahre ZDFtheaterkanal“, und dann, noch kleiner, „10 der besten Theaterproduktionen auf Bühne und Leinwand als DVD“. Er verrät etwas über die Mutlosigkeit des Theaterkanals. Von seinem anfänglichen Anspruch, dessentwegen Theaternarren sich einen Digitalreceiver angeschafft haben, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Theater findet neben der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck, „disco“ mit Ilja Richter und 15 Jahre alten „Literarischen Quartetten“ nur noch am Rande statt. Eine Theaterproduktion auf der Leinwand ist ein Widerspruch in sich. Das spiegelt sich auch in der Auswahl für die DVD-Box. Leander Haussmann hat wunderbare Bühneninszenierungen geschaffen. Hier aber ist er mit einer Verfilmung von „Kabale und Liebe“ vertreten, die mit Theater soviel zu tun hat wie Tschaikowskis „Eugen onegin“ mit dem Versroman von Puschkin. Das gilt auch für Uwe Jansons „Theaterfilm“ „Peer Gynt“ und gleich doppelt für seinen „Werther“-Film. Sollte sich das Wort „Klassiker“ jedoch auf die Auswahl der Stücke beziehen (was man nicht vermutet: die Box heißt schließlich nicht „Klassiker des Dramas“ oder „Klassiker auf dem Theater“), wäre es dennoch irreführend – sowohl als Epochenbezeichnung, die weder auf Ibsen, noch auf Hauptmann, noch, genau genommen, auf Shakespeare, Lessing und den frühen Schiller und Goethe, also eigentlich nur auf „Maria Stuart“ zutrifft, als auch im Sinne von festen Bestandteilen des Spielplans, zu denen man John von Düffels Verulkung des Nibelungen-Stoffs gewiss nicht rechnen kann.
Gehört Klappern zum Gewerbe?
Noch großmäuliger als die zitierten Titel und Untertitel ist die Aufschrift „Eine visuelle Enzyklopädie“. Von Enzyklopädie kann bei zehn Stücken, deren Autoren mit einer Ausnahme namentlich aufgeführt und durch die marktschreierische Formulierung „und viele mehr“ ergänzt sind, keine Rede sein. Die „vielen mehr“ sind, nein: ist John von Düffel. Muss wirklich immer geklappert werden, weil das angeblich zum Gewerbe gehört? Gibt es selbst beim Theater keinen Rest an Seriosität mehr?
Bleiben also ein paar in der Tat wegweisende Inszenierungen, neben den bereits erwähnten „König Lear“ und „Emilia Galotti“ Bosses „Viel Lärm um Nichts“ und Kimmigs „Maria Stuart“, auch durchaus kontrovers zu beurteilende wie Stemanns „Räuber“ oder Thalheimers „Ratten“, und die Begegnung mit einigen der grandiosen Schauspieler der letzten Jahrzehnte: Gert Voss, Ulrich Mühe, Sven-Eric Bechtolf, Martin Schwab, Werner Wölbern, Joachim Meyerhoff, Nicholas Ofczarek, Christoph Bantzer, Peter Jordan, Philipp Hochmair, Andrea Clausen, Christiane von Poelnitz, Constanze Becker, Caroline Peters, Johanna Wokalek, Birgit Minichmayr.
Wir wissen nicht, welche Überlegungen die Editoren geleitet haben, welche Rolle dabei die Rechte an einzelnen Aufzeichnungen gespielt haben. Da aber die Fernsehanstalten ansonsten mit den Nebenrechten – etwa von Autoren – nicht zimperlich umgehen, darf man sich wünschen, dass das ZDF sein Archiv noch einmal durchwühlt. Da ruhen Schätze, die würdig neben Breths „Emilia Galotti“ und Bondys „König Lear“ stünden und die, man glaubt es nicht, Theaterproduktionen für die Bühne sind und trotzdem als Aufzeichnung, also als DVD, nicht schlechter funktionieren als Adaptionen, die für die große Leinwand gedacht waren. So oder so kann eine DVD weder den Theaterbesuch, noch das Kino ersetzen. Wer keine Lust hat, sich seine Perspektive von der Kamera und vom mehr oder weniger hektischen Schnitt aufdrängen zu lassen, muss weiterhin seinen Platz vor der Bühne einnehmen. Und wem ein Bildschirm auch im Zeitalter des Heimkinos zu klein ist, dem wird der Gang ins Kino nicht erspart. Wenn er Glück hat, sieht er hier tatsächlich Filme und nicht verfilmtes Theater und dort Drama statt dramatisierten Filmen und Romanen.