Peter Brötzmann: Lost & Found
Ein Saxophon, eine Klarinette oder ein Tarogato solo – das ist eine spröde Angelegenheit. Nicht so, wenn Peter Brötzmann das Instrument bläst. Peter Brötzmann ist der absolute Meister der freien Improvisation, seit Jahren schon auf der Jazzszene und ewig jung. Er verfügt über eine Vielfalt von Valeurs, von Klangfarben, von Ausdrucksformen. Langeweile kommt da nicht auf. Auf den genannten Instrumenten erzählt er, live aufgenommen vor mehr als drei Jahren in Nickelsdorf, Geschichten, die folgerichtig und überraschend zugleich sind. Neben dem wilden, dem überschäumenden Brötzmann, den wir seit langem kennen, hören wir da auch einen ganz lyrischen, einen fast verträumten Brötzmann, und der eine geht bruchlos in den anderen über. Das ist nicht Schizophrenie, sondern Einheit der Widersprüche. Die Stücke klingen aus, wenn sie vollendet erscheinen, sie bilden bei aller Freiheit, bei aller Offenheit ein Ganzes.
Die Wahl des Instruments ist von Belang. Beim Blasinstrument bestimmt die Länge des Atems die Struktur. Die Musik muss, nicht nur im Sound, notwendig anders sein als, sagen wir, auf dem Klavier. Die Pausen, die das Atemholen erzwingt und die beim Solospiel nicht von anderen Instrumenten überdeckt werden können, kommen Brötzmanns offenkundiger Neigung zu Fragmenten, zu Phrasen entgegen. Sie sind Interpunktionen, Trennstriche und zugleich Brücken, die von einem Gedanken zum nächsten führen. Wer da meint, im Free Jazz gebe es keine Qualitätsunterschiede, der höre sich Peter Brötzmann an. Er setzt Maßstäbe.