Nachrufen sollte man misstrauen. Sie ebnen alles ein. Die Pietät lässt Unterschiede zwischen Mittelmaß und wirklicher Größe nicht zu. Im Tod seien sich alle gleich. Mag sein. Davor aber waren sie es nicht. Und Nachrufe tun, als berichteten sie vom Davor. Genau genommen ist es eine Beleidigung, wenn der Gute im Grab nicht besser wegkommt als der Schurke, und am verlogensten ist dieses Ritual in der Politik, wo es angeblich von Fairness zeugt, wenn man auch jenem noch mit Respekt nachruft, den man einen Tag zuvor bekämpft hat, weil er Not und Elend über die Menschen gebracht hat. „De mortuis nis nili bene“ – das ist der Appell für Lüge und Heuchelei.
Pina Bausch musste nicht sterben, um in den höchsten Tönen gepriesen zu werden. Dass sie auf ihrem Gebiet, im Tanztheater, eine der Größten, vielleicht die Größte war, wusste man schon zu ihren Lebzeiten. Sie hat von Anfang an mit ihrer Arbeit, niemals mit großsprecherischen Ankündigungen und eitlen Auftritten überzeugt. Wären alle wie sie, stürben die Talkshows an Gästemangel. Pina Bausch hat das Tanztheater zu neuem Leben, zu neuer Lebendigkeit erweckt. Gewiss, sie hatte Vorläufer, das klassische Ballett hat im vergangenen Jahrhundert Konkurrenz bekommen. Aber Pina Bausch und ihre Truppe sind den Weg konsequent weitergegangen, haben die Möglichkeiten zwischen Tanz und Theater hartnäckig erprobt und eine Schönheit produziert, die sich nur erfahren, nicht beschreiben lässt. Bilder, die Pina Bausch auf die Bühne gestellt hat, haben sich dem Gedächtnis eingeprägt. Der menschliche Körper im Raum – nirgends wurde er faszinierender und zugleich unserer Zeit gemäß sichtbar als im Tanztheater der Pina Bausch.
Bald nach Beginn ihres Wirkens in Wuppertal hat Pina Bausch zwei Opern von Christoph Willibald Gluck inszeniert: Iphigenie auf Tauris und Orpheus und Eurydike. Damit kehrte sie zu einer Tradition zurück, in der Oper und Tanz eng verbunden waren. Sie hat freilich das Ballett nicht als Einlagen aufgefasst, sondern die Darstellung verdoppelt: Während die Sängerinnen (Orpheus ist bei Bausch mit einer Altistin besetzt) die Handlung szenisch nur andeuten, stehen die Tänzer im Zentrum. Sie ergänzen mit ihren Körpern den Gesang und den Text. Das ist mittlerweile kopiert worden. 2005 hat Pina Bausch ihre Version von Orpheus und Eurydike an der Pariser Oper mit dem dortigen Ballett rekonstruiert. Der Abend besteht aus vier Teilen: Trauer, Gewalt, Frieden und Sterben. Dabei zeichnet sich der letzte Teil durch ein überlanges Pas de deux aus, in dem gegen Ende die Sängerin des Orpheus die tote Tänzerin der Eurydike in ihre Arme schließt. In den vorausgehenden Teilen kontrastieren die Solotänzer mit dem Corps de ballet wie die Solistinnen mit dem (unsichtbaren) Chor. Im Orchestergraben dirigiert Thomas Hengelbrock sein famoses Freiburger Balthasar-Neumann-Ensemble.