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Donnerstag, 02. September 2010 | 19:44

 

Sven Amtsberg: Das Mädchenbuch

19.02.2004




Rätselhaft und doch vertraut

Mit verblüffender Leichtigkeit fesselt Sven Amtsberg in seinem Debut die Leser.


 

Sie heißen Anna, Maria, Laura oder auch mal Fauna. Er heißt immer nur Ich. Die Kapitel tragen Titel wie "Abgeschnittene Haare", "Meine neue Verlobte" oder "Scheiß Romantik".
Kapitel? Das ist so eine Sache: Denn "Das Mädchenbuch" des Hamburger Debütanten Sven Amtsberg ist kein klassischer Roman; bietet schon gar nicht eine stringent erzählte Handlung, die uns von A bis Z durch eine in Planquadrate unterteilte und jederzeit nachvollziehbare Welt führt. Vielmehr schauen wir wie durch ein Dachfenster auf eine recht kahle und selten heimelige Szenerie: Ein junger Mann und eine junge Frau stehen, sitzen, liegen beieinander. Es ist eng, man schweigt. Man hat sich gerade erst kennen gelernt; man lebt schon länger zusammen. Und wenn man redet, dann weiß man nicht, ob der andere versteht, was man gemeint hat; weiß nicht, ob man passend antwortet. Und es geschieht, was geschehen muss: Er verlässt sie und sie ihn und wenn man bleibt, enttäuscht sie ihn und er sie. Schlag auf Schlag geht es so; fast gerät man in Trance. Man liest noch eine Geschichte und noch eine Geschichte und ist zwischendurch verblüfft über die Leichtigkeit, mit der einen der Autor zum Weiterlesen nicht verführt, sondern zwingt.

Grotesk-albtraumhafte Episoden
Amtsberg ist immer dann am allerbesten, wenn er seine ohnehin klaustrophobischen Szenerien auswachsen lässt in grotesk-albtraumhafte Episoden: Da ist die Geschichte von der Frau, die immer dicker wird; anschwillt wie ein Hefeteig, bis er sie im Erdgeschoss zurück lassen kann. Die Geschichte von dem Mädchen, in deren Haar es vor Marienkäfern nur so wimmelt, in ihrer Wohnung, auf dem Bett, überall. Die Nachbarin, die ihm den Kopf abschneiden wird. Das Paar, das sich zwischen frisch Gewaschenem und totem Geflügel wälzt und im entfernten Sinne so etwas wie Sex miteinander hat, in dem es so tut als ob.

Amtsberg, der zur Autorenschule wie den Ausrichtern des Hamburger Machtclubs gehört, ist kein Popliterat der alten Garde. Er grast nicht sein junges Leben ab, auf der Suche nach ein paar schnellen Scherzen und dazu passenden Anekdoten, die jeder zu kennen meint. Er hat sich etwas vorgenommen, das zum Rüstzeug eines wirklichen Schriftstellers zählt: Nehme eine in sich reduzierte Ausgangsposition ein, deute sie sparsam aus, um drum herum wie von selbst eine rätselhafte Welt aufzubauen, die einem bei allem Absurdem und Sonderbaren am Ende immer wieder vertraut vorkommt. Der Mann ist gut; man sollte ihn lesen und ihn für die Zukunft nicht aus den Augen lassen


Textprobe:
"Sie ist nicht wirklich schön. Jedenfalls nicht richtig. Sie ist nicht so wie die Bilder in den Zeitschriften. Sie schneidet sich die Haare selbst vor dem runden Spiegel im Bad. Sie näht sich ihre Kleidung aus alten Kleidern und Blusen ihrer toten Schwester. Schmuck trägt sie keinen. Und sie benutzt auch keine Kosmetika. Sie benutzt nicht mal Seife. Aber sie riecht nicht. Jedenfalls nicht wirklich schlimm."


Frank Keil-Behrens



Sven Amtsberg: Das Mädchenbuch. Rowohlt 2003, 255 Seiten, 10 Euro. ISBN 3-499-23321-5

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